Tokio

Dem Dienst an der guten Sache wollte ich mich nicht versagen: Im Frühling rief mich ein mir flüchtig bekannter japanischer Wissenschaftler an und bat mich, ihm für seine Deutschlandreise ein paar Kontakte "mit wichtigen Leuten aus der Presse" zu nennen. N. arbeitet in einem Institut für Städte- und Landesplanung in Tokio und war mir, weil er sich für Deutschland interessiert, mehrmals begegnet. Nach seiner Rückkehr von einer offensichtlich sehr aufschlußreichen Informationsreise wurde ich abermals beehrt. Diesmal ging es um meine Mitarbeit an einem Forschungsprojekt (Vergleich der Wirtschaftlich-sozialen Verhältnisse in Japan und der Bundesrepublik).

Zu Argwohn bestand nicht der geringste Anlaß. Auch in Japan ist es ein Gebot standesgemäßer Eitelkeit, bei vielen Projekten gleichzeitig vertreten zu sein. Das gilt erst recht, wenn sich möglichst viele Titel- und Würdenträger zum Palaver versammeln. Deshalb warb N. bei mir mit einer Ehrfurcht gebietenden Liste von Teilnehmern an seinem Forschungsprojekt: zwei Universitätsrektoren, eine Garde untadeliger Geistigkeit aus Professoren nur allererster Hochschulen, ein ehemaliger japanischer Botschafter in Bonn und weitere Standeselite.

Was noch fehle, beteuerte N., sei die Veredelung des Kreises durch "deutsche Vertreter mit Kompetenz und Reputation". Einen Herrn des Goethe-Instituts in Tokio habe man bereits gewonnen, nun fehle noch die letzte Weihe durch das Mittun des ZEIT-Korrespondenten in Japan.

Vor dem Liebeswerben japanischer Akademiker schmilzt der Widerstand schnell, vollends, wenn dann noch von Völkerverständigung, ja von Frieden die Rede ist. Daran hatte N. keinen Zweifel gelassen: Bei diesem Forschungsprojekt ging es nicht um bloße Beschäftigungstherapie für nichtausgelastete Professoren, sondern um einen Brückenschlag zwischen Japan und der Bundesrepublik. Der Name der Organisatoren garantierte obendrein, daß sich die Runde nicht allzu schnell nur noch deutschem Wein und Liedgut hingeben würde: "Professors World Peace Academy" lud ein.

Der dick aufgetragene Anspruch dieser Akademie machte mich nicht weiter stutzig. Darunter tut es in Nippon kaum ein Hausfrauenkränzchen, und selbst Japans Erzrevanchisten oder Kommunisten stehen dem Frieden verbal näher als Standeskollegen in anderen Ländern. Eine Rückfrage beim Landsmann im Goethe-Institut ergab ähnliche Überlegungen: eine lästige Pflicht, der man sich schwerlich entziehen könne. Außerdem sei dem Drang der japanischen Deutschland-Forscher nach Weitläufigkeit durch Zusage und vor allem Aufnahme in die Teilnehmerliste sicherlich Genüge getan. Ob man dann auch erscheine ...

Seitdem wirbt die Akademie der Weltfriedensprofessoren in Japan mit der Mittäterschaft des Goethe-Instituts und des ZEIT-Korrespondenten, obwohl beide zu keiner Sitzung erschienen sind. Der Grund: Bei dem Organisator handelt es sich nicht um einen feinen Akademikerclub mit landesspezifisch dick aufgetragenem Weltfriedensansprach, sondern um die intellektuellen Elite-Kader von Reverend Moon, der vor den Weltfrieden zunächst das politisch-militärische "Roll back" des Weltkommunismus gesetzt hat.