Schriftsteller in Ländern, die sich sozialistisch nennen, haben – im Gegensatz zur viel beklagten Existenz ihrer Beliebigkeit im Westen – stets eine Funktion: Funktionär sein oder ein von Funktionären Geprügelter sein. Schlägt man auf sie ein, dann ist das immer Zeichen der Angst bei der Macht; ein furchtsamer Staat legt seine Autoren an die Kandare, weil ein Bazillus zur Epidemie zu werden droht.

Die herrschende Klasse in Ost-Berlin zittert vor dem Solidarność-Bazillus. Dieser Logik folgend, prügelt sie auf Autoren ein – Rolf Schneider, Klaus Poche, Karl-Heinz Jakobs (die mit gültigen Visa Teile des Jahres im Westen leben) sind nun Lumpen: "Mit Entschiedenheit wendet sich die Jugend unseres Landes gegen eine solche Charakterlosigkeit, gegen diesen fortgesetzten Verrat an unserer Heimat und unseren Idealen." Dieses Pimpfengeblöke im "Flamme empor!"-Stil schleuderte der Sekretär des FDJ-Zentralrats Hartmut König gegen die Schriftsteller auf einer Leipziger Kulturkonferenz der FDJ. Man weiß – bald kommen dann empörte Telegramme der Arbeiterschaft; von, so der höchste SED-Kulturfunktionär, Kurt Hager, den "tatkräftigen Helden, die lachen können". Da hätten wir noch ein paar Zentner Breker-Marmor versandfertig übrig...

Die Kampagne ist so bedrohlich wie die Sprache’ widerlich; wer von Heiner Müllers "Macbeth-Peinlichkeit" spricht und "geschichtspessimistische Grundpositionen unduldbar" nennt, der denunziert, verbietet, bürgert aus. Die Schriftsteller werden es sich nicht gefallen lassen. Karl-Heinz Jakobs, empört über das moralische Verdikt "Verräter", sagte der ZEIT: "Wird das nicht zurückgenommen, dann verrate ich mal ein paar Dinge." Und Günter Kunert, dessen Paß bald abläuft und dessen Arbeit wohl "das klare Ziel... die Menschen für den Sozialismus voranzubringen" vermissen läßt, antwortete schon längst mit einem Vierzeiler: "Betrübt höre ich einen Namen aufrufen: nicht den meinigen. Aufatmend höre ich einen Namen aufrufen: nicht den meinigen."

F. J. R.