Dramaturgen zwischen Bern und Lübeck, Emden und Klagenfurth werden sich am 30./31. Oktober m Westberlin versammeln; auch Autoren haben sie dazu eingeladen, um die zu informieren über die Krise am Theater, die aus eigenem Augenschein diese Autoren nicht studieren können: nur noch fünf Prozent der gegenwärtigen Spielpläne sind mit Arbeiten deutschschreibender Autoren der Gegenwart bestückt. Nie zuvor in der Geistesgeschichte wurden die Stücke lebender Deutschschreibender am deutschen Theater dermaßen unterdrückt wie heute! Es ist so, wie Thomas Brasch neulich festhielt: "Wenn ab morgen keine Gegenwartsstücke mehr geschrieben werden, wird es niemand wahrnehmen ..."

Ich sollte bei der Berliner Dramaturgentagung meine Meinung vortragen; hier ist sie:

  • Erstens: Erfüllt endlich die Forderung, die Brecht wenige Wochen vor seinem Tode erhoben hat: "Daß die Stückschreiber auf Einsendungen gar keine oder sehr späte Antworten bekommen ... Nun bin ich der Meinung, man sollte überhaupt für die Leitung der Theater... auf Theaterschriftsteller zurückgreifen .. Ich schlage den Schriftstellern vor, in eine Dramaturgie einzutreten ... oder Intendant eines Theaters zu werden ... Ich denke dabei an mich selber, der ich dadurch, daß ich ein Theater leite, meine Stücke aufgeführt bekomme (Heiterkeit). Das ist durchaus nötig... Ich bin also durchaus gezwungen, sie selber aufzuführen, und rate innen, sich schleunigst in eine ähnliche Situation zu begeben ... Sich um einen solchen Posten zu reißen, weil er immerhin eigene Arbeit ermöglicht!" (Heiterkeit) ...

Der Schweijk in Brecht machte Späße, wo – wie Brecht sehr genau wußte – bittere historische und auch eigene Erfahrung zugrunde lag: nahezu ausnahmslos sind alle deutschen Theaterautoren, vielleicht abgesehen von Hofmannsthal und Hauptmann, auf der Höhe des Lebens von den Machthabern der Theater zum alten Eisen geworfen worden.

Warum aber sollten vergleichsweise kleine Leute im Lande, unsere hochdotierten Feiglinge auf den Kommandobrücken des Fernsehens und der Generalintendanzen sich die Mühe nehmen, Autoren zu beachten oder gar zur Mitwirkung zuzulassen, wenn Bonn selber das sogar zu einer Zeit nie getan hat, als dort ein Schriftsteller Präsident war?

  • Zweitens: Da der Autor vom heutigen Staat und dessen Theatern sowenig wie einst im Kaiserreich erwarten kann, daß kritische Stücke von Staats- und Stadttheatern gespielt werden, ist seine einzige Hoffnung die Re-Animierung des Privattheaters. Und zwar nach dem überzeugenden Modell der großen Berliner oder Frankfurter oder Wiener Theater einst und der heutigen Bühnen in London, New York, Paris, wo es noch immer, trotz finanzieller Schwierigkeiten, die Privaten allein sind, die wie eh und je risikoreiche Stücke riskieren. Auch Brecht konnte seine "Dreigroschenoper" in der liberalen Weimarer Republik selbstverständlich nur durch einen Privatmann uraufführen lassen, nicht aber etwa am staatlichen Schauspielhaus.
  • Drittens: Natürlich wird kein Vernünftiger die Illusion pflegen, privates Theater (oder privates Fernsehen) sei automatisch qualitätyoller als staatliches. Doch wird auch keiner bezweifeln, daß allein die Wiedereinführung des Konkurrenzprinzips erstens den Autoren wieder den Zugang zum Theater eröffnen kann; zweitens die Qualität steigert: es ist in der Kunst nicht anders als in der Wirtschaft; der Bäckermeister oder der Arzt an der Ecke betrügen oder schikanieren ihre Kunden’ und Patienten nur dann nicht, wenn sie wissen, daß an der nächsten Ecke noch ein Bäckerladen, noch eine Praxis ist. Die heutigen Staats- und Stadttheater-Machthaber haben keine Konkurrenz mehr zu fürchten: ihr Gehalt stimmt immer, gleichviel ob sie lebendiges Theater der Gegenwart für das Publikum heute machen und ein volles Haus haben – oder ob sie dem Star-Regisseur Soundso gestatten, bei ihnen die dreißigste "Kirschgarten"-Inszenierung dieser Saison für 40 000 Mark nachzustellen, damit Soundso nächstes Jahr auch "ihnen für eine Gastregie 40 000 Mark zahlt. Wenn unser höchstdotierter Regisseur Rudolf Noelte niemals die Arbeit eines lebenden Schriftstellers vorstellte, so hat das für ihn und alle seinesgleichen den Vorteil der totalen Risikolosigkeit, während es noch immer blamabel enden kann, eine Uraufführung zu wagen und sich etwa an das sehr problematische Unternehmen zu wagen, ein Stück wie Peter Weiß’ "Die Ermittlung" als erster auszuprobieren. Außerdem kann man – wie Noelte mit "Egmont" und andere mit anderen es getan haben – die üblichen Striche, die jeder Regisseur stets zu machen hat, als "Bearbeitung" ausgeben und Tantiemen kassieren, weil Goethe keine mehr fordert, während Dürrenmatt welche verlangen würde. Politische Risiken meidet man auf diese Weise ganz.
  • Viertens: Es ist eine durch nichts zu rechtfertigende Willkür, daß private oder halbprivate Bühnen wie die Volksbühnen oder das Hamburger Ernst-Deutsch-Theater bei gleicher Platzbesetzung und gleicher Abonnentenzahl nur fünf oder zehn Prozent jener Subventionen erhalten, die Länder und Staate "ihren Bühnen" hinwerfen. Grotesk und ekelhaft, daß ständig als "links" firmierende Theater-Mandarine sich unsolidarisch über die mangelnde Qualität privater – oder von Tourneebühnen mokieren, ohne einen Lidschlag lang angekränkelt zu werden durch die widerwärtige Tatsache, daß sie für ihr Theater 20 Millionen Mars Subventionen von der gleichen Amtsstube erhalten, an die ein Privater 15 Prozent "Vergnügungssteuer" für jede verkaufte Karte abgeben muß. Allein entscheidend für die Bemessung der Subventionen dürfte die Zahl der im Theater besetzten Plätze sein. Bleiben die Plätze leer, so ist das in demokratischen Zeitläuften die einzige Form der Abstimmung, die dem sonst entmündigten Theaterbesucher bleibt.

In der Tat ist es verächtlich, für wie selbstverständlich die persönlich finanziell bestens abgesicherten Mandarine der Theater Subventionen verlangen, ohne einmal zu überlegen, wieso sie subventioniert werden, jedoch mit keinem Groschen ein privater Verleger, der unter größtem Risiko Bücher neuer, junger, unbekannter Autoren druckt. Widersprechen muß ich dem FAZ-Herausgeber Joachim C. Fest, der erst neulich eine Falschmeldung erneut drucken ließ: daß nur ein Prozent der Frankfurter Stücke, zum Beispiel von mir, sehen möchten. (Fest nennt noch zwei deutsche Autoren, ich nenne sie nicht, um sie nicht auch herabzusetzen, denn wahr kann dieser Prozentsatz nicht sein.) Es bleibt zu fragen, wie überhaupt Frankfurter wissen könnten, ob sie meinesgleichen sehen wollen, da seit mehr als einem Jahrzehnt keine Frankfurter Bühne mich zugelassen hat, während die drei Stücke, die früher von mir dort gespielt wurden, lange Laufzeiten hatten, gut besucht waren, zuweilen ausverkauft!