Von Erich Hauser

Frieden an der Stahlfront bis Ende 1985" verkündete Wilhelm Haferkamp, der Dienstälteste unter den vierzehn Brüsseler EG-Kommissaren, am 21. Oktober vor versammelter Weltpresse und vielen Fernsehkameras. Es klang unbeabsichtigt wie Neville Chamberlains berühmtes "peace in our time" – Friede für unsere Zeit – nach dem Münchner Abkommen von 1938.

Nach tagelangem Nervenkrieg war ein Abkommen zwischen "Freunden" geschlossen worden. Darin verpflichtet sich die Europäische Gemeinschaft, bis Ende 1985 ihre Lieferungen von elf Massen- und Edelstahlsorten in die Vereinigten Staaten auf einen Anteil am US-Markt von 5,75 Prozent zu begrenzen; bislang betrug er etwa 6,4 Prozent. Röhrenlieferungen in die EG sollen beiderseits überwacht werden, und wenn sie einen Anteil von 5,9 Prozent am US-Markt überschreiten, will man einander konsultieren. Beide Vereinbarungen; gelten als "arrangements", weil sie eigentlich gegen die guten Sitten internationalen Freihandels verstoßen.

Mit dem Frieden an der Stahlfront, den im wesentlichen der EG-Industrie-Graf Etienne Davignon und US-Außenminister Malcolm Baldridge gegen harten Widerstand der Interessenten auf beiden Seiten hergestellt haben, wurde unter den vielen europäisch-amerikanischen Streitigkeiten unserer Zeit wenigstens eine weggeräumt.

Die Stahlkrise war von der amerikanischen Stahlindustrie vom Zaun gebrochen worden, indem diese seit Januar Bestimmungen des amerikanischen trade act (Handelsgesetz) benutzt, um sich mit insgesamt 132 Beschwerden beim US-Handelsministerium ihrer ausländischen Konkurrenz weitgehend zu entledigen. Als Anlaß nahm sie teils die staatlichen Beihilfen, die in der gegenwärtigen Rezession in vielen Ländern zur Modernisierung und Rationalisierung oder schlicht zur Erhaltung von Arbeitsplätzen gezahlt werden, teils aber auch ein angebliches "Preis-Dumping".

In der ersten Prüfung durch die amerikanische International Trade Commission – eine Art Sonder-Handelsgericht – wurden zwar 57 der Klagen als völlig unbegründet abgelehnt; den anderen Beklagten aber erlegte das US-Handelsministerium vorläufig "Sonderzölle" auf, für die eine Kaution hinterlegt werden muß.