Jetzt darf er endlich, wie er will: Gerd Haffmans, der im Diogenes-Verlag 1981 in eigener Regie drei Nummern des Magazins Tintenfaß hatte herausgeben dürfen, setzt nun, da er sich mit dem Haffmans-Verlag selbständig gemacht hat, ganz nach eigenem Gusto diese Magazin-Tradition fort. Der Rabe verspricht im Untertitel, ein "Magazin für jede Art von Literatur" zu sein und belegt die besten Qualitäten des Lektors und Herausgebers Haffmans, nämlich einfallsreich und unterhaltsam, mit Sinn für Ernsthaftes und für auflockernde und Leser anlockende Kontraste Literatur und Graphik der Gegenwart und der Vergangenheit zusammenzustellen.

Der Rabe ist Almanach und Literaturzeitschrift zugleich, und in der Nr. 1 wird zunächst eine Raben-Tradition gestiftet, indem der krächzende Vogel in Gedichten und Zeichnungen, die über den ganzen Band verstreut sind, als uralte poetische Figur vorgeführt wird, vom "Raven" Edgar Allan Poes (für den neuen Band nochmals übersetzt von Hans Wollschläger) bis zu einem Sonett auf den mexikanischen "Grackle" von Ludwig Harig.

Dann folgen Philosophie und Satire, neue Literatur und Dokumentation, Kuriosa und Zitate Schlag auf Schlag, teils mit Bezug auf das Thema "Religion" der diesjährigen Buchmesse, teils auch im Vorausblick auf die 1983 50 Jahre zurückliegende Machtergreifung der Nazis, oder auch das Thema "Krieg" aufgreifend. Anatole Frances berühmte Erzählung "Der Statthalter von Judäa" wird in einer Neuübersetzung abgedruckt, Voltaires "Gespräch über das Recht des Krieges" mitgeteilt; aus Hans Benny Jahnns Nachlaß wird der in der Jahnn-Ausgabe nicht enthaltene Text "Das Wort" (gemeint ist: Krieg) aus den fünfziger Jahren geboten; und weil Haffmans zu Recht meint, daß man zwischen vergangener und gegenwärtiger Literatur, wenn sie nur gut ist, keinen Unterschied machen soll, druckt er auch einfach und kommentarlos Jean Pauls "Rede des toten Christus" nochmals ab.

Die haarsträubende Respektlosigkeit kommt durch Eckhard Henscheids "Hegel-Anekdoten" zu ihrem Recht; Bernhard Lassahn nimmt Leonard Cohen, den "Schleimgeiger des Innenlebens", aufs Korn, Hugo Dittberner erzählt von der Entstehung einer kuriosen Legende in Rom, und Hermann Kinder teilt etwas von Liebe und Tod zweier rasender Fußballhelden mit.

Das bewegt sich munter und sprunghaft, mit eingestreuten alten und neuen Bildern und Comics von Bosch bis Crumb durchs Gelände dessen, was der Herausgeber für anregend und lesbar hält, und die gewichtigsten Stücke in dieser Mischung seien auch erwähnt: ein Auszug aus einem Gespräch zwischen Heinz Ludwig Arnold und Peter Weiss, Prosatexte von Schuldt über "Leben und Sterben in China – Fabeln aus Lius Wörterbuch", Reinhardt Stumms Attacke auf einen gewissen Typus kleinkariert anspruchsloser Literatur der Gegenwart unter dem Titel "Schreiben kann eh jeder" und schließlich – kein Wunder, da Haffmans der zukünftige Verleger, des Werkes von Arno Schmidt zu werden verspricht – der souveräne und temperamentvolle Brief, den Schmidt 1964 zu Stand und Problemen der großen Poe-Übersetzung an die Beteiligten schrieb.

Das Ganze wird vom Herausgeber pfiffig und ausführlich mit Anmerkungen versehen, die über Quellennachweise und biographische Daten der Autoren weit hinausgehen, und wenn man natürlich auch nicht bei jedem Beitrag von der Qualität so überzeugt ist wie der Herausgeber – Uve Schmidts Geschichte hat eine zu läppische Pointe; Peter Roos’ Seitenhieb in Richtung Siegfried Unseld scheint mir ein flaues Remake des Flugblattes, das auf der letzten Buchmesse zirkulierte –, so hat Haffmans doch ein umtriebig abwechslungsreiches Lesebuch zustande gebracht, das drucktechnisch sauber hergestellt, kurzweilig und nicht zuletzt sehr preiswert ist. Jörg Drews

"Der Rabe – Magazin für jede Art von Literatur", herausgegeben von Gerd Haffmans; Haffmans Verlag, Zürich; Nr. 1/82, 258 S., Abb., 10,– DM.