Von Theo Sommer

Die Bundesrepublik Deutschland hat bisher fünf Kanzler gehabt. Drei davon verdienen, jeder auf seine Weise, das Prädikat "groß": Konrad Adenauer, Willy Brandt, Helmut Schmidt. Zwei – Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger – waren Übergangskanzler, Männer, die ihrer Zeit keinen Stempel aufdrückten, jedenfalls nicht vom Palais Schaumburg aus. Die Hervorragenden aber taten, was in der Geschichte noch stets das Merkmal der Größe gewesen ist: Sie vollzogen das in der jeweiligen Situation Notwendige.

Das Notwendige war in der Amtszeit eines jeden etwas anderes, wie denn überhaupt der Begriff "historische Größe" etwas Relatives ist, gebunden an die Bedingungen und Erfordernisse des Augenblicks. "Ein jegliches hat seine Zeit", sagt der Prediger Salomo, "und alles Vornehmen hat seine Stunde: Pflanzen und Ausrotten, Würgen und Heilen, Brechen und Bauen." Jacob Burckhardt meint dasselbe mit seinem Satz: "Nicht jede Zeit findet ihren großen Mann, und nicht jede große Fähigkeit findet ihre Zeit." Die Westdeutschen haben Glück gehabt: In jeder der drei Phasen ihrer Geschichte stand der richtige Mann bereit.

Konrad Adenauer war wohl der größte. Er gab einem Staat Zusammenhalt und Lebenskraft, der aus Trümmerstücken zusammengefügt worden war, sich als dürftiges Provisorium verstand und doch so handeln mußte, als sei er sich selbst genug; ja so, daß er sich zwangsläufig selbst genug wurde. Adenauer paßte die Bundesrepublik erst in den Rahmen des Europäischen Einigungswerkes ein, dann in das Atlantische Bündnis; Bonns Verankerung im Westen wurde zu einer Determinante bundesdeutscher Politik. Der deutsch-französischen Versöhnung fügte er den deutsch-israelischen Wiedergutmachungsvertrag an; beides bleibende historische Ausgleichsleistungen. Der erste Bundeskanzler schuf die Anfänge des heutigen Sozialstaates, und er stellte ihn – Ludwig Erhard folgend – auf das Fundament einer marktwirtschaftlichen Ordnung, deren Leistungsfähigkeit jahrzehntelang in der Welt Neid und Bewunderung erregte. Vielleicht hat es Adenauer leichter gehabt als die Nachfolger: Nach der Katastrophe konnte es nur aufwärts gehen. Aber er hat die Gnade des Nullpunkts genutzt.

Willy Brandts geschichtliche Leistung steht auf einem schmaleren Podest, doch ist sie nicht minder eindrucksvoll. Er machte Schluß mit dem inneren Widerspruch der Adenauerschen Politik – dem Widerspruch zwischen der wirklichen Politik, die doch auf die endgültige Etablierung der Bundesrepublik als Staat aus eigenem Recht hinauslief, und der offiziell gepredigten Politik, die eine Wiederherstellung des Deutschen Reiches von 1937 anstrebte, wie sie weder im Westen noch gegenüber dem Osten je durchsetzbar gewesen wäre. Brandt beendete den Sonderkonflikt der Westdeutschen mit Osteuropa. Seine Ostpolitik ging von, der "wirklich bestehenden Lage" aus und erkannte sie an, ohne daß irgendwelche fiktiven Rechtstitel dadurch geschmälert worden wären, noch gab sie irgendetwas hinweg, das nicht längst verloren war.

Es ist eine Legende, daß längeres, geduldigeres Verhandeln ein Besseres Ergebnis erbracht hätte. Der von Deutschland begonnene Zweite Weltkrieg ließ sich nicht nachträglich am Konferenztisch gewinnen. So oder so ähnlich mußte die vorläufig endgültige Regelung ausfallen; was man in dem oder jenem Punkte vielleicht noch hätte herausholen können, hätte anderswo bezahlt werden müssen; und Berlin wurde ja auf alle Fälle als Krisenpunkt entschärft. Verschleppung hätte leicht die Gelegenheit zunichte machen können, nach der Einbettung der Bundesrepublik in den Westen endlich den Ausgleich mit dem Osten zu vollziehen.

Brandt tat dies, zielsicher und beherzt, und ging damit über Konrad Adenauer hinaus – auch über Gustav Stresemann, der sich zu einem Ost-Locarno nie hatte durchringen können. In das Kontinuitätsgeflecht westdeutscher Außenpolitik fügte Brandt die zweite Determinante ein: das Streben nach Kontakt mit Ostdeutschland und Osteuropa, nach Kooperation auch, wo immer die kommunistische Welt dazu bereit und fähig ist; bei gleichzeitiger Vorsorge allerdings, daß der fortdauernde Rückhalt am Westen uns instandsetzt, auch Konfrontationen durchzustehen, die uns der Kreml aufzwingen mag.