Von Karsten Witte

ZEIT: Wie der Titel Ihres neuesten Films andeutet, ist "Tre fratelli" (Drei Brüder) die fiktive Geschichte einer Familie. Aber der Film ist umfassender konzipiert und realisiert, so daß der Einzelfall zur politischen Allegorie wird. Wie denken Sie darüber?

Rosi: Der Film versucht – wie auch meine früheren Filme – seine Aufmerksamkeit auf das zu richten, was die gesellschaftliche Realität Italiens ausmacht, aber nicht nur die gesellschaftliche Realität Italiens, sondern auch die politische Situation des Landes zum Zeitpunkt der Entstehung des Films. Er ist also ein Blick auf die Realität des Landes. Und, wie in meinen anderen Filmen, ist es ein Blick, der Ursachen zu einigen Wirkungen in Beziehung zu setzen versucht. Und gleichzeitig versucht er auch, Emotionen und Reflexionen zusammenzubringen.

Es dürfte bei der Untersuchung meiner Filme unschwer zu erkennen sein, welches Gewicht dieser Gegensatz zwischen Emotion und Ratio einnimmt: der Versuch, die Gegenwart auch durch die Reflexion der Vergangenheit zu verstehen und so die Realität der Personen in diese Filme einzubeziehen, und zwar im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Realität des Landes.

ZEIT: Ja, es ist sehr offensichtlich, daß die Rationalität in diesem Film sehr viel weniger betont, sehr viel unbestimmter ist als die Emotionen. Es gibt einen Bruch zwischen der früheren und der jüngsten Phase Ihres Werkes.

Rosi: Sie meinen, zwischen meinen vorangegangenen Filmen und diesem letzten oder vielleicht den beiden letzten Filmen, "Cristo si e fermato a Eboli" (Christus kam nur bis Eboli, 1978) und diesem? Ich bin nicht so sehr damit einverstanden, daß die Rationalität weniger wichtig sei als die Emotionen. Neu ist, denke ich, das größere Gewicht, das der Reflexion über die Dinge beigemessen wird. Ich stimme Ihnen darin zu, daß es in meinen früheren Filmen wie "Salvatore Giuliano" (Wer erschoß Salvatore G.?, 1961), "Le mani sulla città" (Hände über der Stadt, 1963), "Il caso Mattei" (Der Fall Mattei, 1972), "Uomini contra" (Das Bataillon der Verlorenen, 1970) und selbst "Lucky Luciano" (1973) eine größere Angriffslust gibt, den Wunsch, anzugreifen mit der Kraft der Ereignisse. Dagegen gibt es in diesen letzten Filmen, vielleicht von "Cadaveri eccellenti" (Die Macht und ihr Preis, 1975) an, neben dieser Kraft, die eine Konstante ist, sagen wir ...

ZEIT: ... die gleiche explosive Kraft, die aber jetzt implosiv geworden ist.