Von Helga Bammert-Sacher

Na, willste mit? Ich fahr’ bis Seesen." Die Stimme kommt von oben, auf dem Rastplatz von Stillhorn. Ich gucke hoch in ein gemütliches Gesicht, ein bißchen jünger als meines: "Danke, eigentlich wollte ich mit einem Pkw fahren." Leichte Enttäuschung. "Na, wie du willst." Schlechtes Gewissen bei mir: Warum sollte ich nicht mit einem Lastwagen starten. Ich danke und klettere hoch mit Rucksack und Büdel. "Ich heiße Hermann, wie heißt du?" "Was, Hermann? So heißt mein zweiter Schwiegersohn." Wir sind gleich vertraut.

Der Rundblick ist weit, ich bin zufrieden. Die drei Kinder haben sich nicht aufgeregt über meinen Plan, nach Rom zu trampen, aber die Freunde. Warnungen vor Vergewaltigung, Unfall, Raub. Ich hatte Erfahrungen mit dem Trampen nach dem Krieg bis Anfang der fünfziger Jahre. Allein, später mit meinem Mann von Bayern bis Flensburg ins Theater-Engagement, dann mit einem Kind, schließlich mit zweien. Seither nehme ich selbst Anhalter mit.

Hermann will keinen Kaffee aus meiner Thermoskanne, er muß in Seesen schlafen. Genie nimmt er jemanden mit, da wird man nicht so müde. Seine Schwägerin hat ihm die fünf Kinder aufgezogen, die Frau starb früh – an welcher Krankheit wohl? Wir erzählen uns viel. In Seesen erlebe ich es und oft danach, den kleinen Schmerz, weil man sich trennt. Drei Schritte vom Wagen weg und aus.

Am Rastplatz zu stehen ist günstig und auch wieder nicht, weil Kameraden da sind; meistens. Wir helfen uns gegenseitig, aber ich stehe lieber allein da. Ein junger Mann nimmt mich bis Kassel mit. Er ist Landschaftsgärtner, will sich umschulen lassen, Krankengymnast werden. Er ist total genervt, weil das Baugewerbe die Gärtnerei einzementiert: Was soll das, einen Baum durch allerlei Tricks zu bewässern und zu belüften, wenn man doch nur einfach genug Erde um ihn herum lassen kann?

Ausfahrt Kassel, ich tippele bis zur Hauptstraße in die Innenstadt. Die große Geste: bittend in die Hände klatschen, lächelnd den Kopf zu drehen. Autostopp in der Stadt? Stillos ist das. Aber der Rücken ist schon längst nicht mehr heil, dazu drückt der Rucksack, und ich sehe nirgends eine Bushaltestelle. Keine zehn Minuten später fährt ein Göttinger Kaufmann vor, ich werde mit einem feinen Auto zur "Documenta" gebracht. Die naiven Fähnchen grüßen zu den letzten Tagen der gar nicht naiven Ausstellung.

Am Abend trinke ich zwei Äppelwoi bei Pedro, dem Spanier, und bestelle nur Brot dazu. Pedro will kein Geld für das Brot: "Wo kommen wir denn da hin, wenn wir uns Brot bezahlen lassen?" Die Jugendherberge ist überfüllt, ich lerne Helga und ihre Schwester im Keller im Schlafraum kennen. Sie sind auch wegen der "Documenta" in Kassel. "Wollen wir nicht zusammen hingehen?" fragen sie beim Frühstück. Am Nachmittag Abschied vor Helgas Auto, Adressenaustausch, dem noch viele folgen werden. Ich gehe noch zur Abendmahlausstellung in der Brüderkirche.