Vor etwa vierzig Jahren, am 18. Februar 1943, wurden die Geschwister Sophie und Hans Scholl, Mitglieder der Widerstandsgruppe "Die weiße Rose", durch das Fallbeil hingerichtet. Am Ende des Films "Die weiße Rose" von Michael Verhoeven erscheinen folgende Sätze auf der Leinwand: "Nach Auffassung des Bundesgerichtshofs bestehen die Urteile gegen die ‚Weiße Rose‘ zu Recht. Sie gelten noch immer."

Das Gericht hat gegen diese Behauptung protestiert. In der Tat wurde von der amerikanischen Militärregierung 1946 ein Gesetz erlassen, demzufolge politischer Widerstand gegen das Hitler-Regime nicht strafbar ist. Da dieses Gesetz bis heute gilt, ist der Nachsatz in Verhoevens Film formaljuristisch nicht haltbar. Seiner Intention nach ist er jedoch richtig. Die Urteile gegen die "Weiße Rose" wurden explizit nie aufgehoben. Zudem gibt es eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs von 1956, in der alle Richter, die damals Todesurteile fällten, freigesprochen werden: "Die Widerstandskämpfer hatten nach dem damals geltenden Recht und in ihrer rechtlichen Wirksamkeit an sich nicht bestreitbaren Gesetzen die Merkmale des Landesverrats, mindestens teilweise auch des Hochverrats verwirklicht."

Das bestätigt die Äußerung des Todesrichters Hans Filbinger: Was damals Recht gewesen sei, könne heute nicht Unrecht sein. Daß es Leute wie Filbinger gibt, von anderen zu schweigen, die nicht Ministerpräsident oder Staatssekretär werden mußten, sondern in Ruhe ihre Richter-Pension verzehren, dies ist, wie das Grundsatzurteil des BGH, ein Grundsatzübel dieser Republik.

Darüber ist nie wirklich gestritten worden. Wolfgang Koeppens Romane, die schon Anfang der fünfziger Jahre mitleidlos die Wiederkehr der alten Nazis in neue Positionen darstellten, sind absolut folgenlos geblieben. Das Erschrecken darüber ist eines der Motive der Studentenbewegung und nachher des Terrorismus gewesen.

In Margarete von Trottas Film "Die bleierne Zeit" sieht die spätere Terroristin Gudrun Ensslin zusammen mit ihrer Schwester einen Film über die Vergasung von Juden. Ihr Entsetzen richtet sich nicht nur gegen das Verbrechen, sondern mehr noch dagegen, daß die Verbrecher nur in wenigen Fällen bestraft worden sind. "Die bleierne Zeit", ein sehr erfolgreicher Film, hat sich in das Gedächtnis vieler Jugendlicher eingegraben.

Auch Michael Verhoevens Film über die "Weiße Rose" ist erstaunlich erfolgreich, erstaunlich, weil man denken konnte, das Thema Nationalsozialismus und Widerstand sei passé. Der Verleih rechnet mit der für deutsche Filme ungewöhnlich hohen Zahl von 500 000 Besuchern.

Inzwischen gibt es einen zweiten Film über die "Weiße Rose", von Percy Adlon. Er schildert die "Fünf letzten Tage", (so der Titel) Sophie Schölls im Gefängnis. In beiden Filmen verkörpert die Schauspielerin Lena Stolze eine junge Frau, die sich mit der Unbedingtheit einer Jeanne d’Arc im Kampf gegen das Böse stellvertretend selber aufopfert. Die Brechtsche Klugheit, der seinen Herrn Keuner angesichts der Gewalt sagen läßt, er müsse die Gewalt überleben, ist Sophie Scholl fremd. Die mädchenhafte Gestalt ist erfüllt von einer moralischen Reinheit, die anrührend und tragisch zugleich ist. Denn Sophie Scholl ist eine von wenigen. Der Hausmeister der Universität München, der sie damals anzeigte, in Verhoevens Film ein redlich-dummer Mensch, verkörpert jenen Deutschen, der weder 1945 noch danach je etwas begriff. Das war die Mehrheit.