Vor fünfzig Jahren: Wie ein kleiner Schneider aus Offenburg zum Hochstapler wurde – eine badische Ouvertüre zum Dritten Reich

Von Hanno Kühnert

In Endingen, einem Städtchen im Norden des Kaiserstuhl-Gebirges, nur wenige Kilometer vom badischen Rheinufer entfernt, lebten im Jahr 1932 zwei alte Leute, das Kleinbauern-Ehepaar Rosa und Ludwig Daubmann. Sie hatten in der Winzerstadt ein Häuschen. Immer noch vermißt die betagten Leute um ihren Sohn Oskar Daubmann, der seit dem 21. Oktober 1916 vermißt wurde, aber inzwischen als gefallen galt. Als Soldat der 5. Kompanie des Infanterie-Regiments 111 soll Oskar Daubmann an diesem Herbsttag mitten im Ersten Weltkrieg an einer Sandsack-Barrikade im Hohlweg bei Grandcourt gelegen haben, das Gesicht nach unten. Die Kameraden Rees, Ruf und Fees, die in die Gefangenschaft abgeführt wurden, hielten Daubmann für tot, konnten das aber erst nach der Gefangenschaft mitteilen. Die Schreibstube hinter der Front war nur zu einer Vermißtenmeldung in der Lage: Die Kompanie war nicht zurückgekehrt.

Auf dem Gefallenendenkmal von Endingen war unter der Jahreszahl 1916 auch der Name Oskar Daubmann eingraviert, obwohl der Soldat in der Vermißtenliste geführt wurde. Und so unklar, zweideutig und hoffnungsvoll war auch das Verhalten der Eltern Daubmann: Sie hatten längst eine Toterklärung erwirkt, um die geringe Elternrente zu erhalten. Aber vor allem die Mutter hoffte noch 16 Jahre nach dem Vorfall in Grandcourt auf die Heimkehr ihres Sohnes Oskar. Sieben Jahre zuvor hatten die alten Leute ein merkwürdiges Telegramm aus Singen erhalten: "Oskar lebt noch in Afrika. Eilbrief folgt. Tillmann."

Jener Tillmann hatte sich aber nicht mehr gemeldet. Frau Daubmann stellte jedes Jahr am Heiligen Abend ein Tannenbäumchen mit roten Kerzen vor das Gefallenendenkmal und betete dort gleichzeitig für die ewige Seligkeit des einzigen Sohnes und für dessen Rückkehr aus der Verschollenheit.

Am 21. Mai 1932, einem Samstag, bringt der Briefträger den Daubmanns einen Brief. Rosa Daubmann wischt gerade die Haustreppe. Der Brief hat eine italienische Marke. Frau Daubmann reißt ihn mit einer Haarklammer auf und liest:

"Palermo, den 17. Mai 1932. Meine geliebten Eltern! Nach 16 Jahren bin ich in der Lage, Euch, geliebten Eltern, ein Lebenszeichen von mir zu geben. Ich geriet im Januar 1916 schwer verwundet in Gefangenschaft. Nach meiner Heilung, als ich einen Fluchtversuch machte, erschlug ich einen Posten, worauf ich 20 Jahre Zuchthaus bekommen habe. Im Dezember ist es mir endlich doch gelungen, zu entfliehen. Ich mußte ungefähr 5000 Kilometer bis an das Meer zu Fuß gehen, wo ich auf ein Schiff kam, welches nach Europa bis in den Hafen von Palermo fährt, jetzt muß ich wieder zu Fuß bis Neapel laufen, wo ich auf dem deutschen Konsulat einen Paß holen muß.