Hügeliges Land, Seen, kleine Birkengehölze, abgeerntete Getreidefelder, auf denen nur noch die goldgelben Stoppeln stehen, Kartoffelfelder mit dunkelgrünem Kraut über sandigern Boden. Eine Rauchwolke steigt aus dem Schornstein der Dampflokomotive, kleine Schwaden dringen durch das offene Abteilfenster in den Eisenbahnwaggon und hüllen die Landschaft in einen unwirklichen Schleier. So werden in einigen Tagen zur Erntezeit die Rauchschwaden der Kartoffelfeuer über den Äckern liegen. Ein See zieht vorüber, dann eine Ortschaft: geduckte, einstöckige Häuser mit grauem Verputz und rotem Ziegeldach, die Firste stets parallel zur Straße ausgerichtet. Immer weiter weg führt die Fahrt aus der polnischen Gegenwart hinein in das Herz Masurens, das "Land der tausend Seen". Viele Jahrhunderte hindurch haben Generationen von Deutschen die Geschichte von Ostpreußen geprägt. Heute ist es polnisch. Keiner nennt mehr die alten Namen. Unverändert aber erscheint die Landschaft, unvergänglich, als sei für sie Zeit kein Maßstab der Veränderung.

Auf einer Landzunge, die einige Kilometer in den Jezioro Sniardwy (Spirdingsee) hineingeragt, im Süden von Mikolajki (Nikolaiken), liegt das Staatsgut Dybowo. Weißgekalkte Stallungen und Wirtschaftsgebäude flankieren den Weg zum früheren Gutshaus. Ein Rudel kläffender Hunde läuft ankommenden Gästen zur Begrüßung entgegen. Einladend steht das zweistöckige Haus mit der zentralen Freitreppe über dem See. Nur die einst wohl sehr stattliche Fassade benötigt dringend einen neuen Anstrich. Ein gepflegtes Rosenbeet schmückt den Platz vor dem Haupteingang. Auf der Seeseite steht eine alte Linde. Ein Storch hat sich sein Nest auf dem Mast der Telephonleitung gebaut. Durch die Uferbäume blinkt das Wasser des Spirdingsees, das der Abendwind kräuselt. Leise "singen" die Metallmasten der Segelboote, die an einem Holzsteg liegen. Später mischt sich dieser Klang mit dem Zirpen der Grillen. Am gegenüberliegenden Ufer zeichnet sich der dunkle Nadelwald gegen den lichtlosen Himmel der späten Dämmerung ab.

Ein Gefühl von Heimat wird wach. An diesem Blick haben sich Generationen gefreut. Vor dem Zweiten Weltkrieg gehörte das Gut einem Doktor Schilke. Ganz wie damals fuhren nöch heute hohe, weißlackierte Türen aus der Diele in die (nun leider verschlossenen) Räume des Erdgeschosses. Dunkle Holzbalken an der Decke bilden einen hübschen Kontrast zu diesem weißen Lack. Heute beherbergt das Haus Büroräume des Staatsgutes, die Wohnung des staatlichen Verwalters und einige Zimmer für Feriengäste.

Wenig später holen mich Polen an ihren Abende brotstisch. "Iß, hier sind Milch, Brot und Honig. Mehr konnten wir nicht bekommen." Es sind Feriengäste aus Warschau, die ihrem zehnjährigen Sohn während der Sommerferien das Segeln beibringen wollen. Seit Jahren kommen sie nach Masuren. "Es ist ein so schöner Teil von Polen." Da der Verwalter nicht aufzufinden war, führen sie mich später in ein Gästezimmer im Obergeschoß und bringen mir auch noch Wolldecken und Kissen. Die Gastfreundschaft lebt ungebrochen fort. Sie vergrößert sich meist noch, wenn aus dem Gespräch hervorgeht, daß der Gast aus der Bundesrepublik kommt. Dann will man reden, offen und frei. Die Freude über den Besuch ist unverkennbar, gerade jetzt; die Freude darüber, daß sie nicht vergessen werden. Doch sie wollen wissen, warum man kommt. "Stammt die Familie von hier? Könnt ihr die alte Heimat nicht vergessen? Was denken junge Deutsche über die geltenden Grenzen?" Keines dieser Gespräche läßt gleichgültig. In jedes mischt sich das Gefühl einer schicksalhaften Verbundenheit – die Chance zur Gemeinschaft.

Die polnische Gastwirtin in Okartowo (Eckartsberg) am Ostende des riesigen Spirdingsees erteilt eine ganz eigene Geschichtslektion, die sich aus Gehörtem, Traum und Sehnsucht gebildet hat, und will dann für die Mittagssuppe gar keine Bezahlung mehr annehmen. "Oh, was waren die alten Zeiten gut! Jetzt freilich gibt es ja keine Ordnung mehr, will niemand mehr arbeiten." Sie zeigt aus dem Fenster zum Staatsgut Wezewo (Wensen). Früher, vor dem Krieg, habe der Gutshof einem Deutschen gehört, der ihn gut geführt habe. Alle hätten genug zu essen gehabt. Heute allerdings ... Ja, reich und ordentlich sei einst das Land gewesen. "Sonst hätte man doch nicht eine so schöne Dorfkirche bauen können!" Trotz all der teuren Maschinen gebe es heute keine gute Arbeit auf dem Staatsgut. Und der frühere Gutshof hier im Ort, der sei schon ganz verfallen, weil sich niemand mehr darum kümmert.

"Einen kleinen Hitler brauchen wir", ruft sie aus. Erschreckte, abwehrende Einwände, Hinweise auf die unsagbaren Leiden des polnischen Volkes beeindrucken sie kaum. "Nur so einen kleinen", zeigt sie mit der Spanne von Daumen und Zeigefinger. "Der soll hier für Ordnung sorgen. Daß die Leute nicht Wodka trinken, sondern arbeiten!"

Sie stellt überhaupt nicht die Frage, für die sich nicht nur die Warschauer in Dybowo (Dommelhof) sogleich interessierten, die Frage, die meist die erste in solchen Gesprächen ist: "Wollen die Deutschen, die hier früher gelebt Haben, Zurückkehren? Die Mehrheit unserer Völker ist mit diesen Grenzen aufgewachsen. Das ist doch Polen. Und wir lieben dieses Land."