Die kommunistischen Riesen versachlichen ihre Beziehungen – aber Rivalität und Mißtrauen bleiben

Von Christian Schmidt-Häuer

Peking/Schanghai, im Oktober

Wo Drache und Bär sich gute Nachbarschaft wünschen, ist eine Märchenkulisse angemessen: Wasser, das von einem künstlichen Steinhügel plätschert; Zierfische, die während der Kulturrevolution als "bourgeois" galten, rote Lampions und ein Pavillon, wie eine Pagode geschwungen. Im einst kaiserlichen Garten der Ching-Dynastie nahm Chinas Partei-Generalsekretär Hu Yaobang jüngst den französischen KP-Chef Georges Marchais an die Hand – der für Peking jahrelang nur ein Lakai Moskaus war. "Alle Genossen", so versicherte der Generalsekretär im maßgeschneiderten Mao-Anzug leutselig, "alle Genossen baten mich, Ihnen und allen Mitgliedern der Delegation Grüße zu übermitteln."

Den 76jährigen Leonid Breschnjew wird der 67jährige Hu Yaobang mit Sicherheit nicht mehr an die Hand nehmen und zum Bruderkuß umarmen, weder im Garten der Ching-Dynastie noch im alten Hof der Zaren. Dem Kreml näherzurücken aber versprach Pekings Generalsekretär in einem Ausmaß, das andere chinesische Politiker bisher nie angedeutet und westliche Beobachter auf längere Sicht ausgeschlossen hatten. Hu vertraute Marchais an, Peking wünsche wieder normale Parteibeziehungen zur KPdSU, China bedaure die lange Unterbrechung der Kontakte.

Sprach der Generalsekretär auch da im Namen "aller Genossen"? Der zierliche Hu Yaobang, den Chinas 78jähriger Steuermann Deng Xiaoping aus dem Hintergrund führt, hat sich bei Anmerkungen und Interviews zur Außenpolitik schon einige Schnitzer geleistet. Doch gleichgültig, wie weit alle seine Worte von der Führung abgesegnet waren – die Eile, mit der Peking und Moskau ihre Beziehungen nach zwanzig Jahren bitterer Feindschaft entkrampfen, ist so groß, daß chinesische Politiker und Diplomaten derzeit mit vielen Zungen reden.

Das tut auch Deng Xiaoping, der immer noch energiegeladene Reformer vom Wüchse Napoleons. "Man darf die Hoffnung nicht ausschließen, daß sich die andere Seite ändert", sagte er jüngst Bundespräsident Carstens. Doch fast im gleichen Atemzug durchkreuzte er die Hoffnung wieder. Die Sowjetunion habe nicht die Absicht, auf ihr Streben nach Hegemonie zu verzichten. Amerika sei zwar auch eine Hegemonialmacht, aber eine "defensive", Moskau hingegen sei und bleibe "offensiv". Was die Sowjets wohl in der Mongolei zu suchen hätten, wenige hundert Kilometer von Peking entfernt: "Sind da amerikanische Imperialisten oder deutsche Revanchisten?"