Von Marlies Menge

Ostberlin, im Oktober

Die auffällig unauffälligen grauen Männer auf den Straßen um die Ostberliner Gethsemane-Kirche wären nicht nötig gewesen. Vor Billy Graham hätten sie ihren Staat nicht zu schützen brauchen, auch wenn der amerikanische Baptist bei seiner einwöchigen DDR-Tournee etwa 23 000 Besucher anziehen konnte. Denn seine Verkündigungen blieben weltfern, dargereicht auf eine so fremdartige Weise, daß er den Menschen in der DDR wie ein kostbarer Exot vorkommen mußte.

Die abendliche Andacht in Ostberlin begann er mit einem Witz: Ein Baptist aus einem texanischen Dorf fährt in die große Stadt, geht zum Pferderennen, sieht wie ein katholischer Priester vor jedem Rennen ein Pferd segnet, das dann gewinnt. Beim viertenmal setzt der Texaner auf das Pferd, dem der Priester vor dem Rennen die Hand aufgelegt hat. Auf der Hälfte des Rennens strauchelt das Pferd, wirft den Reiter ab, legt sich hin und stirbt. Der Texaner beschwert sich beim Priester: Dreimal habe er ein Pferd berührt und es habe gewonnen. Warum nicht das viertemal? „Sie sind kein Katholik“, habe daraufhin der Priester gefragt, „sonst würden Sie den Unterschied zwischen Segnung und letzter Ölung kennen.“ Die Leute in der Gethsemane-Kirche hörten es – und staunten.

Billy Graham schmeichelte seinen Zuhörern, indem er Land und Leute lobte. Alles war für ihn „wonderful“: das vor allem jugendliche Publikum („We had a wonderful time together“). Seine Erlebnisse waren „wonderful und „wonderful“ fand er auch die Musik (von Orgel, Posaunen und Chor in der Gethsemane-Kirche). Die Kritik des Dresdener Oberlandeskirchenrates Dietrich Mendt, daß Graham nur unter Polizeischutz und in großen Limousinen durchs Land gereist sei, in Inter-Hotels übernachtet habe und im Fernsehen vor allem als Gesprächspartner von Staatsvertretern erschienen sei, muß die gute Laune des großen Gastes nicht beeinträchtigt haben. Jedenfalls zeigte er keine Wirkung.

Tatsächlich fiel es der DDR leicht, den Amerikaner zur Eigenwerbung zu benutzen: Wie bei einem Staatsgast wurde seine Ankunft im Fernsehen gezeigt, überall wurde er von den örtlichen Vertretern der Städte willkommen geheißen. Billy Graham besuchte eine LPG, durfte sogar in die gute Stube eines Genossenschaftsbauern, wo er verkündete, daß er etwas von Agrarwirtschaft verstünde, da er auf dem Lande aufgewachsen sei – ganz so, als sei eine Farm in den Südstaaten Amerikas dasselbe wie ein LPG in der DDR.

Der exotische Evangelist hatte in der Kreuzkirche in Dresden gepredigt, im Dom zu Stendal, in der Stralsunder Marienkirche. Am meisten beeindruckt hat er in Wittenberg, wo er von der Lutherkanzel herab sprechen durfte. Der Reformator diente ihm als Beweis, daß man auch als frommer Mönch noch ein Suchender sein könne, wenn der Glauben fehlt. Sonst aber änderte er am Konzept seines Predigtprogramms wenig. Seine Religionsanekdoten blieben amerikanisch.