Ausstellung in Baden-Baden: Yves Tanguy

André Breton hat immer Antworten gewußt: "Was ist Surrealismus? – Es ist das Erscheinen Yves Tanguys, gekrönt mit dem großen, smaragd-grünen Paradiesvogel." Kollegenlob in Gestalt der zarten Silhouette. Eine Poesielaune – vielleicht fürs Gästebuch nach einer surrealistischen Séance im Haus Rue du Chateau 54, Paris, zweite Hälfte der zwanziger Jahre. Unterstellen wir einmal, das Urteil sei nicht nur gut gespielt: Hat noch jemand Bretons Gewißheit geteilt? Fällt einem zum "Surrealismus" zwingend Tanguy ein? Ist es nicht vielmehr Dali, der Platzhalter der Bewegung, dem immer aller Beifall galt? Breton hat seine Einschätzung nie zurückgenommen. 1939 kam er sogar zu dem Befund: "Es ist bemerkenswert, daß der entscheidende moderne Einfluß auf alle in jüngster Zeit aufgetretenen Maler ... von Tanguy ausgeht. Wohingegen Dalis Wirkung immer rascher nachläßt."

Ob Breton das Werk des Freundes in seiner Ausstrahlung unbefangen genug bemessen hat, sei doch bezweifelt. Tatsächlich stand Tanguy nie vorne auf der Bühne. Während Dali seine höchherrschaftlichen Auftritte hatte und aus den surrealistischen Provokationen gefälligere Bildschocks abzuleiten verstand, hielt sich Tanguys Werk versteckt und unzugänglich. Das nicht zuletzt wird jetzt in der großen Tanguy-Ausstellung deutlich, die in veränderter Konzeption aus Paris nach Baden-Baden, in die Staatliche Kunsthalle gekommen ist.

Ein schweigsamer Mensch soll Tanguy gewesen sein. Verschwiegen ist jedenfalls sein Werk. Die Bilder geben keine dramatischen Selbstauskünfte, sie behalten ihre Rätsel. Sie leben nach innen,, nicht nach außen, verlangen viel Ruhe und viel Raum und ebensoviel mikroskopische Geduld mit ihnen. Dann aber halten sie einen fest, bedrängen und zwingen einen so nachhaltig, daß es immer unerklärlicher scheint, woher diese Kraft kommt.

Tanguy selber berichtet von einem Zwangserlebnis. Ende 1933 will er im Vorbeifahren an der Galerie von Paul Guilleaume einem Bild von Giorgio de Chirico begegnet sein: "Das Gehirn des Kindes." Der flüchtige Kontakt hat ungeahnte Folgen. Yves Tanguy, der dies und das getrieben hatte, aber nichts, womit eine Künstlerkarriere zu begründen gewesen wäre, beschließt, Maler zu werden.

Keine Biographie vergißt, die Legende von der plötzlichen Berufung zu erzählen. Denn sie erschließt nicht nur die Ursprünge Tanguys, seine Wiegenerlebnisse in den zwanziger Jahren, sondern sie ist mehr noch Ausdruck für die Geburt jener künstlerischen Existenz, an der den surrealistischen Manifestationen so sehr gelegen war. Ein Zeichen mithin für den Machtwechsel in der getroffenen Seele, in der nun ein synthetischer Antrieb aus Erfahrungen und Einbildungen, Zufällen und Strategien, Hingaben und Leidenschaftlosigkeiten die Herrschaft der Verstandeskontrolle übernommen hat. Der rechte Surrealist aber wacht nimmer auf. Einmal berührt, bleibt er berührt. Das Geheimnis seiner Verführung wird in das Geheimnis seiner Arbeit eingehen.

Die Unerhelltheit, in der Tanguys Werk letztlich geblieben ist, scheint dem nachgerade recht zu geben. Der Mythos von der künstlerischen Initiation des ahnungslosen Pariser Passanten mußte also den Surrealisten kostbar sein. Erschien Tanguy doch so als reines, schuldloses Opfer, das den surrealistischen Kunst- und Lebensentwurf tatsächlich an sich erprobte – wie Max Ernst oder Man Ray.