Von Horst Bieber

Bereits zum sechstenmal ist ein Lateinamerika-Jahrbuch erschienen, das sich einen festen Platz in Wissenschaft und Politik erobert hat – nicht immer ohne Widerspruch; aber auch heftiger Widerspruch signalisiert, daß etwas ernstgenommen wird. Der Standort der Jahrbücher ist eindeutig: links – oft bekenntnishaft links – und stark beeinflußt von den "Dependenz"-Theorien Lateinamerikas, die den Grund für die Entwicklungsprobleme der lateinamerikanischen Länder in ihrer Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten und den westeuropäischen Industriestaaten sieht:

Tilman Evers (Hrsg.): "Lateinamerika. Analysen und Berichte 6. US-Intervention und kapitalistische Gegenrevolution"; Verlag Olle und Wolter, Berlin 1982, 302 S., DM 24,80.

Alle Bände sind in zwei Teile aufgespalten. Teil eins steht unter einem Generalmotto; der zweite Teil bringt Länderberichte, wobei aus Platzgründen nicht alle Staaten der Karibik und Südamerikas behandelt werden können. Die Länderberichte beginnen mit (ausgesprochen hilfreichen) statistischen Angaben; anschließend werden in einzelnen Kapiteln die jüngste Geschichte, Wirtschaft und Politik behandelt.

Obwohl die Analysen in ihrer Qualität und Präzision unterschiedlich ausfallen, verdienen sie ausnahmslos Beachtung, weil sie einen Interpretations-Standpunkt verdeutlichen, der in Lateinamerika sehr in Blüte steht. Die Einseitigkeit mancher Stücke stört dann nicht, sondern erweist sich als förderlich, zumal bis auf ganz wenige Ausnahmen die Polemik hinter der Darstellung zurückgestanden hat.

In dem hier vorgestellten Band wird im ersten Band die These vertreten: Mit dem Wechsel von Carter auf Reagan wurde eine systematische Gegenrevolution gestartet. Eine Wende der Wirtschaftspolitik – Monetarismus oder Thatcherismus oder Reaganomics – soll einen gesellschaftlichen Umbau bewirken: "Freiheit" wird so zur "Freiheit des Konsums"; die Fähigkeit zum Konsumieren soll das Merkmal des guten Staatsbürgers werden. Besonders deutlich wird diese Behauptung am Fall Chile vorgeführt.

Gegen diese These gibt es eine Menge einzuwenden. Nachdenklich stimmt einmal die Bereitschaft der Autoren, an eine Art kontinentaler Verschwörungs-Theorie zu glauben. Parallele Entwicklungen werden als Erfolge eines gemeinsamen Handelns der Verantwortlichen dargestellt. Die Abkehr von autonomen Entwicklungs-Modellen (die in der Tat stattfindet) wird nicht daraufhin untersucht, ob das frühere Modell gescheitert ist, und wenn ja, warum. Die Abhängigkeit Lateinamerikas von der Weltwirtschaft kommt zu kurz – Kubas Abhängigkeit vom Zucker(preis) ist da nur das bekannteste Beispiel von vielen. Die "Externalisierung" der Verantwortlichkeiten entlastet diejenigen, die doch – im Zirkelschluß – die Geschäfte Washingtons besorgen. Oder ist Mexikos Beinahe-Bankrott von außen verschuldet worden? Warum hat Venezuela, auch nicht gerade arm, keine Agrarreform zustande gebracht?