François Mitterrand dachte daran, die Franzosen mit ihrer Geschichte auszusöhnen. Doch sein Plan, die Putsch-Generäle von 1961 zu amnestieren, scheiterte.

Der französische Staatschef, François Mitterrand, wollte Gnade walten lassen: Zwanzig Jahre nach ihrem mißlungenen Aufstand in Algier sollte den einstigen Putsch-Generälen völlige einstigen gewährt werden. Mitterrands Sozialistischen Partei ging diese Versöhnung aber zu weit, und sie brachte dem Präsidenten in der Nationalversammlung eine unerwartete Niederlage bei.

In einem Zusatzantrag schloß die Parlamentsfraktion ausdrücklich die führenden Putsch-Generäle von dem Amnestie-Gesetz aus. Damit stimmten die Sozialisten gegen die Vorlage der eigenen Regierung und setzten sich erstmals offen über ein Wahlkampfversprechen Mitterrands hinweg. Anstatt ein Symbol für die Aussöhnung zu setzen, demonstrierte die Partei in wirtschaftspolitisch angespannter Lage auf einem Nebenschauplatz ihre Stärke.

Mitterrand hatte die Sprengkraft seiner Geste unterschätzt. Der Staatspräsident, selber Innenminister zu Beginn des Algerien-Krieges, kann offenbar ermessen, warum die Generäle 1961 mit dem Putsch reagierten.

Über Jahre hinweg, in denen der Algerien-Krieg immer verlustreicher und grausamer wurde, hatten die verschiedenen Regierungen im Mutterland den Militärs versichert, Algerien werde französisch bleiben. Als die Vierte Republik dennoch auf die Unabhängigkeit Algeriens hinzuarbeiten schien, reagierten die Militärs in Algier mit einer ersten Erhebung, die General de Gaulle 1958 wieder zur Macht verhalf. De Gaulle, den die enthusiastische Menge in Algier mit dem Ruf "Es lebe das französische Algerien, es lebe de Gaulle!", feierte, ließ die Armee und die Algerien-Franzosen zunächst in dem Glauben, er werde die Kolonie bis zuletzt verteidigen; aber Ende 1959 sprach er bereits offen vom Recht der Algerier auf Selbstbestimmung.

Im April 1961 – sieben Jahre nach Kriegsbeginn –, unternahmen die enttäuschten Generäle in Algier eine zweiten Putschversuch. General Salan, der drei Jahre zuvor de Gaulles politisches Comeback beschleunigt hatte, konspirierte nun gegen seinen Staatschef und plante Paris mit Fallschirmjägern anzugreifen. Durch nächtliche Rundfunkansprachen aus dem Mutterland aufgeschreckt, verweigerten Truppen und Offiziere ihren Generälen jedoch den Gehorsam, und der Aufstand brach zusammen. Die Putschisten bildeten, soweit sie nicht verhaftet wurden, die Terrororganisation OAS, die mit Bombenanschlägen gegen die Entkolonialisierung kämpfte und mehrfach bei dem Versuch scheiterte, General de Gaulle umzubringen.

Im März 1962 wurde der Waffenstillstand geschlossen, Algerien erhielt seine Unabhängigkeit und rund eine Million Algerien-Franzosen flüchteten ins Mutterland, wo sie bis heute mit rund 850 000 Wählern eine beachtliche Minderheit stellen.

Jörg Reckmann (Paris)