Der Nobelpreis für Literatur 1982 ist dem vierundfünfzigjährigen kolumbianischen Schriftsteller Gabriel García Márquez verliehen worden. Der Erzähler erhält die Auszeichnung (1150 000 Kronen, rund 390 000 Mark) für sein Prosawerk, in dem sich, nach Ansicht der Schwedischen Akademie, "das Phantastische und das Realistische in einer vielfacettierten Welt der Dichtung vereinen". Wir veröffentlichen eine bisher in Deutschland unbekannte Erzählung von Gabriel Garcia Márquez, übersetzt von Dieter E. Zimmer.

Als wir am Nachmittag nach Hause zurückkehrten, fanden wir uns einer riesigen mit dem Hals an den Türrahmen genagelten Meeresschlange gegenüber, und sie war schwarz und phosphoreszierte und sah mit ihren noch lebendigen Augen und Sägezähnen und klaffenden Kiefern aus wie ein Hexenwerk der Zigeuner. Ich war damals knapp neun Jahre alt und empfand angesichts jener Fieberwahnerscheinung einen so intensiven Schrecken, daß mir die Stimme versagte. Mein Bruder aber, der zwei Jahre jünger war als ich, ließ die Preßluftflaschen, die Tauchermasken und die Schwimmflossen fallen und lief mit einem Schrei des Entsetzens davon. Von der gewundenen Steintreppe aus, die vom Anlegesteg über die Klippen zum Haus hinauf kletterte, hörte ihn. Frau Forbeck und kam keuchend und bleich zu uns herauf, doch schon ein Blick auf das an der Tür gekreuzigte Tier genügte ihr, den Grund unseres Schreckens zu erfassen.

Wenn zwei Kinder zusammen sind, so pflegte sie zu sagen, seien beide verantwortlich für das, was jedes für sich tue, so daß sie uns nun beide erst für die Schreie meines Bruders beschimpfte und dann auch noch für unseren Mangel an Selbstbeherrschung. Sie sprach deutsch und nicht englisch, wie es ihr Hauslehrerinnenvertrag eigentlich vorschrieb, vielleicht, weil sie selber erschracken war und es nicht zugeben mochte. Doch kaum war sie wieder zu Atem gekommen, da fand sie zu ihrem steinigen Englisch und ihrer pädagogischen Besessenheit zurück.

"Das ist eine muraena helena", sagte sie, "und sie heißt so, weil sie für die alten Griechen ein heiliges Tier war."

Kurz darauf kam Oreste hinter den Kapernsträuchern hervor, der junge Mann aus dem Ort, der uns das Gerätetauchen beibrachte. Er hatte die Maske in die Stirn geschoben und trug eine winzige Badehose sowie einen Ledergürtel mit sechs Messern verschiedener Form und Größe, denn er konnte sich die Unterwasserjagd nicht anders vorstellen denn als ein körperliches Handgemenge mit den Tieren. Er war etwa zwanzig Jahre alt, verbrachte mehr Zeit in den Tiefen des Meers als auf festem Land und sah mit seinem ständig mit Motorenfett eingeschmierten Körper selber einem Meerestier ähnlich.

Als sie ihn das erstemal sah, hatte Frau Forbeck zu meinen Eltern bemerkt, man könne sich keinen schöneren Menschen vorstellen als ihn. Dennoch schützte ihn seine Schönheit nicht vor ihrer Strenge: Auch er mußte, auf italienisch, eine Rüge über sich ergehen lassen, weil er, nur um den Kindern einen Schreck einzujagen, die Muräne an die Tür genagelt hatte; Dann befahl ihm Frau Forbeck, sie mit dem einem mythischen Wesen schuldigen Respekt wieder abzunehmen, und uns trug sie auf, uns fürs Abendessen umzuziehen.

Wir taten es auf der Stelle und waren bemüht, keinen einzigen Fehler zu begehen, denn nach zwei Wochen unter dem Regime von Frau Forbeck hatten wir begriffen, daß es nichts Schwierigeres gab als das Leben. Während Wir uns im Halbdunkel des Badezimmers duschten, merkte ich, daß mein Bruder immer noch an die Muräne dachte.