ARD, Montag, 1. November, 21.15 Uhr: Graham Greene und der Salade Nicoise", von Hans Lechleitner und Dagobert Lindlau.

Für Hans Lechleitner und Dagobert Lindlau hat der 78jährige Graham Greene mit seinem bis dahin strikten Grundsatz gebrochen, nicht vor einer Kamera aufzutreten. Schon in den ersten Bildern dieser Reportage, deren Schauplätze Nizza und Umgebung sind, sieht man den alten Herrn nun auch bedächtig, mit etwas unsicheren Schritten eine sommerliche Dorfstraße entlanggehen. Er konzentriert sich aufs Gehen. Später sieht man ihn am Mittagstisch auf einer Restaurant-Terrasse und in seinem einer Fragen der beiden Journalisten beantworten: ein Zeuge.

Ein Zeuge in eigener Sache: Vor einigen Monaten veröffentliche Graham Greene in Frankreich ein rund dreißig Seiten starkes Pamphlet mit dem pathetischen Titel "J’accuse", mit dem Zola 1898 die französische Nation aufrüttelte. Greenes Streitschrift verursachte allenfalls ein lokales Beben. Ausgehend vom Scheidungsfall einer jungen Frau aus seinem engsten Bekanntenkreis und seinen häßlichen Begleitumständen schilderte er darin, was in Nizza seit Jahren ortsüblich und in Frankreich längst bekannt ist: das stillschweigende Komplott zwischen politischer Verwaltung, Justiz und organisiertem Verwaltung,

Mutmaßungen darüber gab es schon viele in der französischen Presse. Sie blieben folgenlos. Und so sehr die politische Rechte in Frankreich den Bürgermeister von Nizza, Jacques Medecin, auch als Belastung ansieht, – wirklich überführen konnte sie ihn bisher nicht. Es fehlen die Beweise. Auch Greene fehlten die Beweise, und man darf sicher annehmen, daß er diesen Mangel mit einem Renommee wettmachen wollte. Die Politik reagierte allenfalls gereizt (Bürgermeister Medecin: "Er hat uns in die Suppe gespuckt"). In einem Zivilprozeß wurde das Buch für Frankreich verboten, Greene von seinen Gegnern mit Verdächtigungen überschüttet, die Lauterkeit seiner Motive angezweifelt.

Das ist für Reporter eine heillose Situation: Wie soll man etwas sichtbar machen, wenn sich sämtliche in der Sache Verwickelten sorgfältig bedeckt halten? Ist es schon verräterisch, wenn die einen, die zur Unterwelt gehören sollen, sich demonstrativ großbürgerlich geben? Ist es die durch keinerlei Nebenansicht geschmälerte Wahrheit, wenn Greene plaudernd die Vorwürfe aus seinem Buch wiederholt?

Lechleitner und Lindlau holen Zeugen um Zeugen vor die Kamera: von Zeugen ist die Rede, von Korruption, von einer Frauenleiche auf dem Meeresgrund, von Betrug und Gewalttat. Ingredienzien eines wüsten Romans. Aber im Bewußtsein des Zuschauers verflüchtigt sich diese dramatische Fülle. Es bleibt das Bild eines vorsichtigen 78jährigen Mannes, der vielleicht nicht einsam, aber alleine ist und der ein paar Monate nach seiner Attacke auf die Gesellschaft von Nizza überhaupt nicht mehr kampfeslustig wirkt. "Wenn alles vorbei ist", sagt er an einer Stelle des Films, "setze ich mich hin und schreibe ein Buch." Florian Hopf