Gedichte der ZEIT – Seite 1

Ich habe noch nichts gestohlen

also bin ich ein ehrlicher Mensch

und noch kein Kind zerfleischt

also bin ich kein Wilder

und noch keinen Mann kastriert

also bin ich sehr gutmütig

und noch keine Frau vergewaltigt

Gedichte der ZEIT – Seite 2

also bin ich zärtlich

und noch überhaupt niemand erwürgt

also bin ich harmlos

Ich war noch in keiner Anstalt

also bin ich normal

und ich bin noch nicht tot

also bin ich lebendig

Gedichte der ZEIT – Seite 3

Aber ich habe noch nichts

von meinem Leben gehabt

Einer der größten Zyniker des 18. Jahrhunderts, nämlich Friedrich II. von Preußen, definiert einen charakteristischen Wesenszug des Menschen wie folgt: Wenn wir einmal nicht schlecht sind, halten wir uns gleich gut. Die Unterlassung der Missetat wird im menschlichen Selbstverständnis bereits zur positiven Haltung. Erich Fried, häufig am Rande des Grotesken und des Schwarzen Humors operierend, spielt diese aphorische Erkenntnis des Alten Fritzen durch: Als Rollengedicht, in welchem das Ich seine eigenen, positiven Züge wie z. B. Ehrlichkeit, Gutmütigkeit, Zärtlichkeit und Harmlosigkeit durch das Fehlen ihrer Kontraste logisch nachzuweisen scheint. Endete das Gedicht mit der Zeile: "Also bin ich lebendig", reichte es nicht über den Einfall des Hohenzollern’hinaus. So jedoch – und auch das entspricht der Friedschen Schreibweise, uns mittels einer überraschenden Pointe zu schockieren – stellen die Schlußzeilen das erwartete moralische Fazit auf den Kopf. Statt Selbstgerechtigkeit, das Bedauern nichts vom Leben gehabt zu haben, und zwar weil die aufgezählten menschenfreundlichen Eigenschaften das anscheinend verhindert haben. Denn das "Aber ich habe nichts / von meinem Leben gehabt" liest man als: "Daher ..." Diese Schlußfolgerung stellt mit einer gewissen Unbekümmertheit die Frage, was denn das sei: Das Leben? Ob man nur etwas davon habe, wenn man stehle, würge und vergewaltige? Aktivitäten, die bei Fried immer nur im übertragenen Sinne und nicht als faktische Vornamen zu verstehen sind. Kann man denn überhaupt vom Leben etwas "haben"? Steckt nicht in dieser Formel schon die Entfremdung, die Trennung vom Leben als einem etwas, das isoliert an einem vorbeiläuft und aus dem es etwas "herauszuholen" gilt? Aber was zum Teufel ist dieses "Herausgeholte", das man vom Leben hat? Was in Frieds Gedicht wie satirische Kritik an einer gängigen Geisteshaltung beginnt, stößt uns am Ende in den Abgrund der Philosophie, wo, wie erratische Blöcke, die "ewigen" Fragen ruhen.

Günter Kunert

Erich Fried, 1921 in Wien geboren, 1938 vor den Nazis nach London geflohen, wo er seither lebt, hat mit seinen zahlreichen Lyrikbänden dem politischen Gedicht wieder literarische Bedeutung gegeben. Fried ist ebenfalls ein Übersetzer von Rang und hat Shakespeare, Dylan Thomas, Graham Greene und John Synge ins Deutsche übertragen.