Eleanor Dulles

Von Ulrich Schiller

Tonbandgerät und Mikrophon schob sie beiseite. Damit habe jemand mal ihr Interview manipulieren wollen, sagt sie immer noch verärgert, obwohl der Vorfall offenbar schon geraume Weile zurückliegt. Es kommt ihr gar nicht in den Sinn, daß man auch mit Notizen allerhand Willkürliches anstellen könnte, und so beginnt sie, ohne Umschweife und mit Begeisterung von ihrer bevorstehenden Deutschlandreise zu erzählen. Sie läuft zum Bücherschrank, resolut in ihren Bewegungen, kramt in einer Schublade und reicht mir dann das Blatt, nach dem sie gesucht hat. In fetten Lettern:

"Hier ist Eleanor, als amerikanische Wirtschaftsexpertin im Nachkriegseuropa." Darunter ein Photo: Eleanor Dulles im Gespräch mit Konrad Adenauer.

Es ist die Einbandkopie der deutschen Ausgabe ihrer Memoiren, die in Amerika 1980 unter dem Titel "Chances of a Lifetime" erschienen sind. Herder in Freiburg bringt? die Übersetzung ins? Deutsche her aus, und der Verlag muß sich bei diesem arg burschikos klingenden Titel wohl etwas gedacht haben ...

Die Autorin, das ist richtig, ist absolut präsent. Ein Mordsprogramm zur Vorstellung ihres jüngsten Buches in Deutschland hat sie sich zusammenbauen lassen: Frankfurt, Berlin, – München, Stuttgart, Bonn; Ehrungen und Empfänge, Ansprachen, Fachgespräche, Interviews fürs Fernsehen. Leute mit Rang und Namen wird sie treffen, alte Freunde aus der Nachkriegszeit in Berlin und Bonn zumal. Sie liest mir das alles vor. So freuen sich Schulkinder, wenn sie in die Ferien ziehen dürfen. Und dabei war sie eben erst im? Juni über den großen Teich geflogen, denn man hatte sie gebeten, an der Demonstration in Bonn zur Förderung der deutsch-amerikanischen Freundschaft und zur Begrüßung Ronald Reagans teilzunehmen.

Eleanor Dulles ist 87 Jahre alt. Zum Lesen muß sie unter der Brille mit dem schmalen Goldrand noch eine große Lupe über das Blatt führen; das Gehör ist schlecht geworden, und mit. dem Herzen geht es auch nicht immer so ganz gut. Aber was ist das schon, gemessen an dem Gefühl, daß man noch gebraucht wird, daß man auch mit 87 noch ein wenig helfen kann ... Der Sommer war ja auch gut und erholsam, wie immer auf der Familien-Datscha am Ontario-See: "Ich bin jeden Tag geschwommen."