Weit hinten in der Türkei sitzt ein junger Deutscher im Kerker und weiß nicht recht, wie ihm geschehen ist. Vor fünf Monaten war Ralf Braun, ein 29 Jahre alter Reiseleiter aus dem Badischen, nach Ostanatolien gekommen; er sollte eine Gruppe Akademiker und Ärzte auf einer Bildungsreise durch Kurdistan begleiten. Braun nahm seine Aufgabe ernst, und das wurde ihm zum Verhängnis: Als die Deutschen eine ehemalige armenische Kirche in Achtamar – Attraktion für alle Touristen – besichtigten, erzählte der Reiseleiter aus der blutigen Vergangenheit der Türkei – über die Unterdrückung, Verfolgung und den Massenmord an Armeniern und

Das entspricht den furchtbaren Tatsachen, doch die Türken wollen sie nicht wahrhaben. Es gibt sogar ein Gesetz, wonach wegen "Beleidigung des Türkentums" verurteilt wird, wer sie erwähnt. So erging es Ralf Braun: Ein Türke, der ihm zufällig zugehört hatte, zeigte ihn an: vorige Woche wurde der Reiseleiter von einem Militärgericht für sechzehn Monate in den Kerker geschickt.

Die Generäle in Ankara verbitten sich jede Urteilsschelte. Die Türkei, so behaupten sie hochfahrend, sei ein Rechtsstaat, und die Gerichte nun einmal unabhängig; deshalb gebe es keine Möglichkeit, Milde walten zu lassen, selbst wenn dies politisch opportun wäre.

Das Auswärtige Amt in Bonn hat den Fall bisher diskret behandelt. Es wollte daraus kein Politikum machen, weil – so die Hoffnung – Braun ohnedies nach einer Schamfrist freikommen würde. Das hat sich als Irrtum erwiesen. Nun müssen die Diplomaten umdenken. Gewiß, sie können die Generäle nicht von ihrem seltsamen Demokratieverständnis abbringen. Aber sie müssen ihnen klarmachen, daß die deutsch-türkischen Beziehungen davon nicht unberührt bleiben werden.

G. S.