Die neue Bonner Koalition gewöhnt sich an den Alltag des Regierungsgeschäfts – und es ist nicht gerade erfreulich. Die Haushaltslage ist trister denn je. Wenn zum Beispiel Bundesverteidigungsminister Wörner gehofft haben sollte, für sein Ressort zusätzliche Gelder aus dem Haushalt herauszuschneiden, so ist diese Erwartung inzwischen schmerzlich revidiert worden. Angesichts der leeren Kassen blieb Wörner gar nichts anderes übrig, als sich "sehr kooperativ" zu verhalten. Wahrscheinlich wird der Wehretat noch unter dem Haushaltsvoranschlag der alten Koalition (46 Milliarden) bleiben. Das Nato-Ziel einer dreiprozentigen Steigerungsrate wird gewiß nicht erreicht werden. Ein etwas unangenehmes Mitbringsel für Kohl, wenn er im November in Washington seine Aufwartung macht.

Gemessen an solchen Schwierigkeiten sind andere Pannen eher zweitrangig, normale Anfangsschwierigkeiten. Daß Kohl beim Besuch von Mitterrand das militärische Zeremoniell verpatzte – was verschlägt’s? Das lernt sich schnell. Daß es zwischen Justizminister Engelhard und Innenminister Zimmermann "Kommunikationsschwierigkeiten" gab, als es um das Gutachten für die Neuwahl ging, etwas deutlicher ausgedrückt, daß die Meinung des Justizministers zunächst nicht eingeholt wurde – auch das ist nicht gerade ein gewaltiges Politikum. Und selbst das Drängen in der CDU, die Zwangsanleihe für Besserverdienende zu einer nicht rückzahlbaren Abgabe zu deklarieren, machte nur einige Tage lang bescheidene Schlagzeilen. Da der Kanzler, die CSU und die FDP der gleichen Meinung waren, nämlich, daß an den Koalitionsvereinbarungen nicht gerüttelt werden solle, war dieses Begehren von vornherein zur Erfolglosigkeit verurteilt.

Das Kabinett jedenfalls, so schilderte es ein Beobachter, ist von solchen Störungen nicht betroffen; es stehe, nicht zuletzt wegen der Wahlen am 6. März, unter "Harmoniedruck".

Was für das Kabinett gilt, trifft freilich auf die Parteien nicht so ohne weiteres zu – schon gar nicht auf die FDP. "Harmoniedruck" ist dort eine fremde Vokabel, und Prestigegerangel mit dem Koalitionspartner CSU gibt es allemal. Der FDP-Abgeordnete Cronenberg hatte Strauß vorgeworfen, er wolle aus Gründen seiner persönlichen Karriere die FDP und den deutschen Liberalismus aus den Parlamenten vertreiben. Entscheidend sei, daß Strauß seine politischen Vorstellungen nach der Wahl "nicht in Bonn in politische Realität umsetzen kann".

CSU-Landesgruppenchef Waigel ballerte zurück: "Weder die CSU noch die CSU-Landesgruppe noch die Union insgesamt werden eine Fortsetzung dieses Verhaltens der FDP hinnehmen." Und Generalsekretär Stoiber dekretierte: "Wer Franz Josef Strauß angreift, greift auch Helmut Kohl an."

Ganz so hart beurteilt man in der CDU das Unternehmen der Liberalen nicht. Man darf Kohl getrost unterstellen, daß ihm eine Dreierkoalition mit der FDP lieber ist als eine Zweierkoalition mit der CSU. Aber bei vielen seiner Parteifreunde ist doch zu spüren, daß der Gedanke, nach dem 6. März notfalls auch ohne die FDP regieren zu müssen, nicht gerade ein Alptraum ist – etwa nach dem Motto: Wenn es die FDP schafft, soll uns das recht sein, wenn nicht, müssen wir eben ohne sie regieren. Die Umfragen verheißen eine absolute Mehrheit der Mandate, und die Demoskopen scheinen auch schon festgestellt zu haben, daß die öffentliche Wert-, Schätzung von Kohl und Schmidt sich verändert. Der Kanzlerbonus beginnt bei Kohl zu Buche zu schlagen.

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