"Bericht eines Schiffbrüchigen, der zehn Tage lang, ohne zu essen und zu trinken, auf einem Floß trieb, der zum Helden des Vaterlands ausgerufen, von Schönheitsköniginnen geküßt, durch Werbung reich, gleich darauf durch die Regierung verwünscht und dann für immer vergessen wurde", von Gabriel García Márquez. Dieses in deutscher Sprache neueste Buch von García Márauez ist eines seiner ältesten. Es stammt aus der Zeit, "als ich noch glücklich und unbeschrieben war", aus dem Jahre 1955. "Gabo" war damals 27, hatte einige etwas bläßliche kafkaeske Geschichten geschrieben und einen ersten Roman ("Der Laubsturm"), der nach vier Jahren endlich gerade einen Verleger fand, war Reporter der Zeitung El Espectador in Bogotá und betrieb in dieser Eigenschaft mit großem Fleiß das, was heute "investigativer Journalismus" heißt. Er war also in intensivem Kontakt mit der heimatlichen Realität und schulte sich in der Direktheit seines Stils. 120 Stunden lang ließ sich García Márquez damals von einem jungen Mann erzählen, wie er von einer mächtigen See von einem kolumbianischen Zerstörer in die haireichen Wasser der Karibik gespült wurde und zehn Tage lang allein auf einem Rettungsfloß trieb, ehe er sich in einer gewaltigen letzten Anstrengung ans Land retten konnte. Aus diesen Berichten machte er eine vierzehnteilige Reportage, in der er den Matrosen selber berichten ließ. Sie erschien 1970, als Garcia Márquez schon ein berühmter Romancier war, dann auch als Buch. In dessen Vorwort schrieb er damals, er selber begriffe den Nutzen einer Wiederveröffentlichung nicht, wolle aber ein gegebenes Wort auch nicht zurückziehen. In der Tat ist es schwer, dem Bericht jenes Schiffbrüchigen irgendeine tiefere, höhere, weitere Bedeutung zu entnehmen. Aber es ist eine sehr spannende und eindringliche Geschichte, Hemingways um drei Jahre älteren "Alten Mann" nicht fern. Was ihr an hemingwayscher Kunstfertigkeit fehlt, hat sie an Wahrscheinlichkeit mehr. Eben daß der Mann nie ein Held sein wollte und sich auch hinterher nicht als einer vorkam, daß er jenseits eines gewissen Punktes der Schwächung und Verlassenheit noch nicht einmal mehr leben wollte und so widerwillig wie dennoch zäh das für seine schließliche Rettung Erforderliche tat: das ist mehr "Leben" als "Literatur". So setzt er Hemingways pathetischem männlichem Credo: "Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben" unausgesprochen eine lebenspraktischere Einsicht entgegen: Man kann vernichtet werden, ob man aufgibt oder nicht; und auch wer aufgibt, hat manchmal das Glück, nicht vernichtet zu werden. (Aus dem Spanischen von Christiane und Curt Meyer-Clason; KiWi 13, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln, 1982; 164 S., 10,80 DM.)

Dieter E. Zimmer

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"Der Karlistenkrieg", Romantrilogie von Ramón del Valle-Inclan. Realistischer zwar, doch nicht weniger symphonisch poetisch komponiert als die vier "Monaten" übertriebenenErzählung gen sind die großen Bilderbögen, die der galicische "Sänger der Dekadenz" (Ortega y Gasset) in diesen drei Romanen aufrollt, die 1908 bis 190 entstanden. Allein schon der Singular des Titels verrät, daß es dem Autor hier nicht um eine faktentreue Chronik der dynastischen Erbfolgestreitigkeiten und der heraufkommenden Guerilla-Bewegungen geht, die Spanien 1833 bis 1876 in drei Bürgerkriege stürzten, welche als "die Karlistenkriege" in den Geschichtsbüchern erscheinen. Statt dessen zeichnet er die verschiedenen Lager, die traditionsbewußten absolutistischen Karlisten und die fortschrittlichen Freischarführer, wie Miquelo Egoscué und den berüchtigten Bandenchef Santa Cruz. So wird aus der Chronik ein Roman, ja eine Epopöe. Und dies ganz im Sinne der verstärkt nationalbewußten Ziele der "Generation von 98". Denn aus der wildbewegten Flut von Szenenwechseln, der verwirrenden Folge von Bildern und rhythmisierten Dialogen, die auf den zukünftigen Dramatiker Valle-Inclan hindeuten, tritt immer wieder das Volk von Galicien und Navarra als Vermittler alter heidnischer Mythen, geheimnisvoll archaischer Balladen und christlich-mittelalterlicher Legenden hervor. Ungebrochen allerdings erscheint daneben der Glaube des "liberalen Anarcho-Monarchisten" Valle-Inclan an die aristokratische Noblesse der alten Führungsschicht: verkörpert durch den greisen Marquis de Bradomin, den großen "Caballero" des Buches (der schon im Mittelpunkt der "Sonatas" stand): Der verkaufte sein Schloß, um der königlichen Sache zu dienen. Ihr schließt sich ebenfalls "Cara de Plata" ("Silbergesicht") an, der schöne zweitgeborene Sohn des alten Hidalgo Don Manuel, dessen Familie später das große Welttheater der "Barbarischen Komödien" bestimmen wird. (Aus dem Spanischen von Fritz Vogelgsang; Verlag Klett-Cotta, Stuttgart; 354 S., 36 DM.)

Ute Stempel