Berlin: "Friedrich Schröder-Sonnenstern"

Hausmantel und Samtkäppi hängen gleich neben der Tür: greifbare Erinnerung an den "großen Sonnenstern", den "dreifachen Weltmeister aller moralischen und angewandten Künste", wie er sich in bescheidener Selbsteinschätzung nannte. Viel mehr ist von diesem vagabundierenden, die längste Zeit in Berlin verbrachten Leben, das im vergangenen Mai nach fast neunzig Jahren endete, nicht geblieben – außer einer kaum überschaubaren Zahl von Zeichnungen und Druckgraphik, deren Eigenhändigkeit sich oft in der Unterschrift erschöpft. Abenteuerlich und turbulent genug waren diese neun Jahrzehnte, geprägt durch Besserungsanstalten, Nervenheilanstalten, Landstreicherei, Zirkusse, Entmündigung. Alle Welt rätselt heute, sagt der Galerist und langjährige Förderer Jes Petersen, durch welche Eulenspiegeleien er die Nazizeit hatte überleben können. Mit der künstlerischen Anerkennung kam in den sechziger Jahren das Geld, und um die große Nachfrage zu befriedigen, arbeitete er schließlich mit Schablonen und Gehilfen. Er starb arm wie eine Kirchenmaus, seine feucht-fröhliche, amouröse und elendige Lebensweise wollte nichts halten. Dieses "Original", zu dem die Boulevardpresse ihn verharmloste – die Elaborate hängen neben vielen anderen Dokumenten in der Ausstellung –, war wohl auch nur zum Teil von unserer Welt; Schröder-Sonnenstern war Heilsverkünder und Heilsbringer, sei es als Prediger und Prophet,als spektakulärer "Schrippenfürst von Schöneberg", als schlichter Heilsalzverkäufer oder als bester Kunde von Kneipen und Nutten in der Schöneberger Straße. Und so sind auch die monströsen Figuren auf seinen surrealistischen, gleichwohl präzis und übersichtlich angelegten Zeichnungen: Fabelwesen aus Mensch und Tier; Erotisches und Obszönes mischen sich mit Aggressivem und schriller Heiterkeit zu makaber-komischen Totentänzen. Farbenpracht und überquellende Phantasie ließen die Zeichnungen und Reproduktionen zu einem Hit werden, vor allem bei jungen Menschen – der tiefe Ernst des mal bitterbösen, mal verschmitzt lächelnden Moralisten wird dabei leicht übersehen. (Petersen Galerie, bis 6. 11.) Ernst Busche

Friedberg (Hessen); "Eric Snell"

Es kommt im schnellebigen Ausstellungsbetrieb unserer Zeit immer seltener vor, daß man mit wirklich Neuem konfrontiert wird. Meist werden Variationen auf schon bekannte Themen geboten, und allzuoft forciert der Handel zum eigenen, kurzfristigen Vorteil schwache Talente. Zurück bleiben dann nicht selten ausgebrannte junge Künstler, die den frühen Erfolg nicht verarbeiten können. Diese Entwicklung wird dem jungen Engländer Eric Snell hoffentlich erspart bleiben. In der Galerie der Edition Hoffmann präsentiert er jetzt seine bisher schönste Ausstellung. Snells "Konstruktionen" bestehen zumeist aus Stahldrähten, die zu geometrischen Figuren verspannt sind. Auf der Wand wird etwa ein Quadrat durch vier Nägel in den Ecken markiert. Der um diese vier Punkte gespannte Draht ist allerdings nicht geschlossen, sondern mündet in zwei Magnete, die durch ihre gegenseitige Anziehungskraft den Draht spannen. Für den Betrachter ergibt sich auf den ersten Blick eine präzise bezeichnete geometrische Figur, doch die winzige Lücke, die zwischen den Magneten entsteht, irritiert das Auge und zieht den Blick magisch an. Snell arbeitet auch mit Versatzstücken aus der Natur. Eines der schönsten dieser Objekte besteht aus drei abgeschliffenen Feldsteinen und einem Stahldraht. Dieser Draht ist waagerecht zwischen zwei Nägeln gespannt, und diese Spannung hält die drei Steine auf der Wand. Das Geheimnis dieser Konstruktion ist ein kleiner Magnet, der sie zusammenhält. Snell gelingt es, mit diesen Objekten eine Metapher für die unsichtbaren, der Technik innewohnenden Kräfte zu gestalten und sie auf ihre Ursprünge, die Natur, zurückzuführen. Der wunderschöne, leichte Eindruck dieser Ausstellung wird allerdings auch von der Inszenierung bestimmt und vom Raum, der das Zentrum einer alten Industriemühle ist. (Galerie Edition Hoffmann, bis 21, 11.)

Hans-Peter Riese

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: "Yves Tanguy – Europäische Retrospektive" (Staatliche Kunsthalle bis 2. 1. 1983, Katalog 38 Mark – siehe Seite 56)