Von Hans-Heinrich Wilhelm

Über die Kriegsgefangenen in der Sowjetunion und das "Nationalkomitee Freies Deutschland" gibt es schon etliche Untersuchungen. Bisher fehlte aber ein Buch, in dem die Reaktion in den Gefangenenlagern auf die Gründung und die Aktivitäten dieses mit Stalin gegen Hitler paktierenden Gefangenen-Komitees in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt wird. Die hier anzuzeigende Arbeit erhebt zwar den Anspruch, diese Lücke zu schließen, sie vermag aber die dadurch geweckten Erwartungen dann doch nicht ganz einzulösen.

Karl-Heinz Friesen "Krieg hinter Stacheldraht. Die deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion und das Nationalkomitee Freies Deutschland"; Verlag v. Hase & Koehler, Mainz 1981, 381 S., 38,– DM.

Was sich wirklich in den Mannschaftslagern abspielte, von welchen N KFD-Agitatoren wo mit welchen Erfolgen gearbeitet wurde, bleibt diffus oder auf der Ebene nicht nachprüfbarer Pauschalbehauptungen – wie bei vielen Vorgängern. Auch über die Langzeitwirkung der Umerziehungsversuche nach der Rückkehr in den Westen hätte sich möglicherweise mehr und Differenzierteres herausfinden lassen. Sehr viel plastischer gerät Frieser dagegen das Bild der Auseinandersetzungen in den Offizierslagern und in dem nur für Offiziere reservierten Ableger "Bund deutscher Offiziere".

Frieser hat Gefangene aufgespürt, die bekunden, daß ihnen die mit harten Bandagen ausgetragenen ideologischen Auseinandersetzungen und Querelen unter "Kameraden" mehr zugesetzt haben als die traumatischen Erfahrungen in Stalingrad, auf dem Marsch in die Lager und sogar die Erlebnisse im "Todeslager" Beketovka, wo innerhalb weniger Wochen 42 000 von 55 000 Kriegsgefangenen durch Hunger und Seuchen umgekommen sein sollen. Er berichtet von Nonkonformisten unter den Nazis, die auch in Gefangenschaft Nonkonformisten blieben und sich dafür als unverbesserliche Faschisten beschimpfen lassen mußten. Mitläufer und Hundertfünfzigprozentige von gestern entpuppten sich teilweise plötzlich wieder als Mitläufer und Hundertfünfzigprozentige, nur mit veränderten Vorzeichen; einige besonders hervorgetretene NKFD-Aktivisten hatten eine Karriere als "politischer Soldat", Parteigenosse oder HJ-Führer hinter und eine Karriere in der Nationalen Volksarmee und den Sicherheitsdiensten der DDR vor sich.

Besonders schwer hatten es die Vertreter des National-Komitees – die Einsiedel, Zaisser, Janzen, Bredel, Herrnstadt, Steidle, Savelev, Ulbricht, Becher, und wie sie alle hießen – nach Friesers Darstellung mit den Angehörigen des aktiven Offizierskorps der älteren Jahrgänge, mit den Leuten aus den Eliteverbänden von Heer und Luftwaffe sowie mit den in Gefangenschaft geratenen Japanern. Dagegen kamen sie im jüngeren Offizierskorps, vor allem bei den Reserveoffizieren, leichter zu Erfolgen: Von 1945 registrierten 4000 Mitgliedern des "Bundes Deutscher Offiziere" waren über 3000 Leutnant und Oberleutnant, weitere 400 Hauptleute.

Frieser ist von dem Material und den vielen Zeugenbefragungen nicht unberührt geblieben. Und das sollte man ihm nicht zum Vorwurf machen. Auch was er uns davon als Auswahl präsentiert, macht betroffen, soll betroffen machen. Wem Friesers Sympathien gehören, wird nicht verschwiegen, oft genug schon aus der Art seiner Fragestellung deutlich. Andere werden – bei einem so emotionsbefrachteten Thema nicht verwunderlich – ihre Akzente anders setzen, für eine noch leidenschaftslosere Betrachtungsweise plädieren oder eine engagiertere Auseinandersetzung mit wichtigen, von Frieser allzu kühl oder gar nicht behandelten Fragen fordern. Den Kontroversen, die dieses Buch sicher auslösen wird, soll hier nicht vorgegriffen werden. Beglückwünschen wir vielmehr den Autor zu dem Mut, mit dem er viele unbequeme Wahrheiten offen ausgesprochen und in aller Regel "ganz ungeschützt" erörtert hat, und zu der Ausdauer, ohne die dieses Buch wohl überhaupt nie erschienen wäre. Es gehört nicht viel dazu, abgewogene Allerweltsurteile über Dinge abzugeben, die keinen Menschen mehr ernstlich aufregen; es erfordert ganz andere Qualitäten, sich menschlich anständig auf eine auch für andere Menschen verständliche Art und Weise einzulassen auf Fragen, die noch immer sehr viele Menschen aufregen.