Von Hans-Christoph Blumenberg

Im elften Buch der „Odyssee“ hält sich der rastloseste aller Helden im Reich der Schatten auf: von Kirke, der Zauberin, in den Hades verbannt. Kein Ort ist weiter entfernt von der Heimat als dieser, kein Weg scheint noch offen, kein Lebenszeichen mehr sichtbar.

„Wenn überhaupt so etwas wie ein Held existiert, so müßte sein Name Odysseus sein. Und die Personen in meinen Filmen wären seine Freunde, die versuchen, ihn zu finden, um ihm zu sagen, daß es noch immer zu früh ist, nach Hause zu kommen“: Sätze von Wim Wenders, aus dem Englischen übersetzt, gesprochen in New York im Mai 1982, fast am Ende einer langen Irrfahrt durch ein amerikanisches Reich der Schatten. Nach über vier Jahren im nicht immer gnädigen Bann eines Zauberers namens Coppola kehrt Odysseus Hollywood den Rücken.

In dem Film „Der Stand der Dinge“ von Wim Wenders, der den Bewegungen eines Mannes folgt, der keine Geschichten mehr erzählen will, weil das Leben sich nicht zu Geschichten fügt, besucht der deutsche Regisseur Friedrich seinen alten amerikanischen Kameramann Joe Corby in Hollywood: auf der Suche nach dem Produzenten, der ihn und sein Team ohne Geld und ohne Filmmaterial in Portugal hat sitzenlassen. Der unvollendete Film heißt „The Survivors“ (Die Überlebenden). Friedrich verabschiedet sich von seinem amerikanischen Freund mit einem Zitat: „Ich bin nirgends zu Hause, in keinem Haus, in keinem Land.“

Worte eines modernen Odysseus. Sie könnten auch formuliert sein von den melancholischen Reisenden früherer Wenders-Filme, die, auf der Suche nach einer Vorstellung von sich selber, lange Wege zurücklegten: von Amerika nach Deutschland („Alice in den Städten“), von Glückstadt zur Zugspitze („Falsche Bewegung“), entlang der deutsch-deutschen Grenze („Im Lauf der Zeit“), zwischen Hamburg, Paris und New York („Der amerikanische Freund“). Oft wirkten diese Figuren verloren, ohne Ziel, wie ein Odysseus, der vergessen hat, daß es Ithaka gibt. Allein in der Bewegung fanden sie sich, in einer unbestimmten Suche.

„The Searchers“ heißt ein berühmter Western von John Ford, nach einem Roman von Alan Le-May, den Friedrich im „Stand der Dinge“ der französischen Schauspielerin Anna leiht. Anna beginnt zu lesen: „Diese Leute hatten eine Art von Mut, die vielleicht die beste Gabe des Menschen ist: den Mut jener, die einfach weiter- und immer weitermachen, weit jenseits aller vernünftigen Ausdauer. Selten dachten sie von sich selber als Märtyrer, und nie hielten, sie sich für tapfer“. Sehr viel später, in Hollywood, sieht man eine Kino-Reklame für „The Searchers“.

Wim Wenders nennt den „Stand der Dinge“, gedreht im Frühjahr 1981, noch vor dem Ende der Arbeit an „Hammett“, die im Februar 1978 begonnen hatte, einen „beinahe dokumentarischen Film über eine fiktive Situation.“ Man kann sich vorstellen, daß er selber in seinen Hollywood-Jahren, belagert von den Anforderungen einer Maschine, die er bedienen sollte, ohne sie kontrollieren zu dürfen, bei „The Searchers“ Trost fand. Aber Friedrich, ausgestattet mit einer Filmographie, die wie jene von Wenders mit dem Titel „Schauplätze“ beginnt, ist mehr als sein Alter ego. Anders als Odysseus sinnt Wenders nicht auf späte Rache für erlittene Demütigungen.