Wie wir es mit unseren Grundsätzen halten, auch darüber gibt die Sprache Auskunft. Wer genau hinhört und hinsieht, erfährt immer wieder Nachdenkenswertes.

Wenn einer erklärt, er sei grundsätzlich für die Todesstrafe: wird er dann keinesfalls dulden, daß diese Strafe abgeschafft wird? Wenn einer dem an Kummer gewöhnten Journalisten sagt, er gebe grundsätzlich keine Interviews: wieviel Überredungkunst ist dann nötig, ihm dennoch seine Meinung zu entlocken? Wenn eine versichert, sie habe grundsätzlich nichts dagegen daß ihre Tochter mit einem Farbigen zusammenlebt: hängt da das "Aber" schon in der Luft?

Tatsächlich verwenden wir das Bekenntnis zu unseren Grundsätzen ebenso oft, um auf unerschütterliche Prinzipientreue hinzuweisen, wie wir es verwenden, um die Grundsätze ins Reich der Theorie zu verweisen, wohingegen doch der Baum des Lebens grün ist. Einmal heißt "grundsätzlich" so viel wie: daran ist nicht zu rütteln; ein andermal heißt es genau das Gegenteil, nämlich: darüber ließe sich jenseits des Grundsätzlichen reden.

Einem ausführlichen Hinweis des Jura-Professors Reinhard Zimmermann in Cape Town verdanke ich die Einsicht, daß unser höchstes Gericht, daß der Bundesgerichtshof eine unglückliche Liebe zu "grundsätzlich" hegt. Und da beginnt das, was als persönlicher Sprachgebrauch vielleicht gar nicht so genau analysiert werden müßte, bedenkliche Bedeutung zu gewinnen. Man wüßte ja doch gern, welche Grundsätze unsere obersten Richter haben.

Zimmermann fand innerhalb einer einzigen Spalte der Neuen Juristischen Wochenschrift den Bundesgerichtshof viermal das Grundsätzliche betonend. Es ging darum, ob ein Ehegatte, der Geld verdient, den anderen, der noch studiert, auch nach einer Scheidung unterstützen muß. Dazu befand das Hohe Gericht: "daß der erwerbstätige Ehegatte dem studierenden... grundsätzlich zunächst weiterhin zum Unterhalt verpflichtet ist"; daß die Erwartung, der studierende Ehegatte werde dann später entsprechend zurückzahlen, "grundsätzlich nicht berücksichtigt werden" darf; daß dem Studierenden daher auch nach Scheidung der Ehe "ein Abbruch des Studiums grundsätzlich nicht angesonnen werden" könne; daß der Studierende "grundsätzlich auch nicht darauf verwiesen werden" müsse, er habe sich nunmehr einzuschränken.

Hier wird in der Tat mit den Grundsätzen gewuchert. Das mag Entschlußkraft vortäuschen. Genauer betrachtet, verliert das Urteil mit jeder Betonung von Grundsätzen an Klarheit. Muß der Ehegatte nun zahlen oder nicht? Können die Erwartungen des Studenten-Ernährers berücksichtigt werden oder nicht? Ist ein Abbruch des Studiums zumutbar oder nicht? Muß der Studierende nach der Scheidung seine Ansprüche verringern oder, nicht?

Heißt die Antwort auf diese vier Fragen Ja, und zwar grundsätzlich" oder "Zwar grundsätzlich ja, aber..."?