Von Rudolf Herlt

Der Wahlkämpfer hatte an der Zinsfront mehr Erfolg als der Regierungschef. Kaum hatte Altbundeskanzler Helmut Schmidt vor der IG Bau-Steine-Erden die Bundesbank gemaßregelt und sie aufgefordert, die Zinsen um zwei bis drei Prozentpunkte zurückzunehmen, da beschlossen die Währungshüter in Frankfurt tatsächlich eine Zinssenkung – wenn auch nur um ein Prozent. Wäre es ein Wunder, wenn ein mit hohen Hypothekenzinsen geschlagener Grundstückseigentümer heute glaubte, er stünde besser da, wenn Helmut Schmidt die Bundesbank schon früher zur Ordnung gerufen hätte? Solche Überlegungen mögen aufkommen. Aber sie sind grundfalsch.

Die Zinsen richten sich nicht nach den Wünschen von Politikern, mögen sie ehemalige Bundeskanzler oder Mitglieder der neuen Bundesregierung sein. Der Zentralbankrat der Deutschen Bundesbank – die sechs Mitglieder des Direktoriums und die elf Präsidenten der Landeszentralbanken – hätten gern schon am 7. Oktober 1982 das erlösende Signal zu einer drastischeren Zinssenkung gegeben. Sie haben es, so Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl, damals aus einem internen und einem externen Grund nicht getan.

Der interne Grund: Es waren die Tage des Regierungswechsels in Bonn, und die Bundesbank wollte sich da nicht einmischen. Mit anderen Worten, sie wollte nicht den Eindruck erwecken, als wolle sie der neuen Bundesregierung eine zinspolitische Starthilfe geben. Der externe Grund: Am 7. Oktober war noch nicht sicher, ob die amerikanischen Zinsen weiter heruntergehen würden. Die prime rate, der Zinssatz für erste Adressen, ist erst zwischen dem 7. und 12. Oktober von 13 auf zwölf Prozent gefallen.

Die anderen Entwicklungen, die den Frankfurter Währungshütern Mut zur Zinssenkung gemacht haben, waren schon am 7. Oktober zu erkennen. Die Inflationsrate war unter fünf Prozent gesunken und die außenwirtschaftliche Bilanz der Bundesrepublik wird am Ende dieses Jahres nicht mehr, wie in den beiden vergangenen Jahren, mit einem Defizit, sondern zumindest ausgeglichen abschließen. Aber erst am 21. Oktober bestand auch Klarheit über die amerikanische Zinspolitik.

Das Lockern der geldpolitischen Bremsen in den USA wurde diesseits und jenseits des Atlantiks von manchen Beobachtern als eine klare Abkehr vom monetaristischen Konzept der strengen antiinflationären Geldmengensteuerung gedeutet. Claus Köhler vom Direktorium der Bundesbank glaubt daran nicht. Er kann allenfalls eine vorübergehende Lockerung entdecken, zu der sich der amerikanische Zentralbankpräsident Paul A. Volcker angesichts des wachsenden Arbeitslosenheeres in den USA entschlossen hat.

Eine drastische Zinssenkung hat sich auch Helmut Schmidt immer von der Bundesbank gewünscht, als er noch Bundeskanzler war. Eine Woche vor dem Ende seiner Kanzlerschaft hat er Bundesbankpräsident Pöhl und Vizepräsident Helmut Schlesinger zu sich gebeten und hat ihnen in einem langen Vortrag die schlechte Wirtschaftslage in der Welt erklärt. Und als die beiden Währungs-Politiker fragten, was er, der Kanzler, von ihnen erwarte, antwortete der, die deutschen Zinsen seien zu hoch.