Doch die SPD/FDP-Koalition hat an der Wirtschaft und den Menschen vorbei reformiert Von Gerd Bucerius

Bis 1969 hatte ich immer CDU gewählt. Im Jahre 1969 wählte ich zum Bundestag die SPD. In der Großen Koalition (CDU/CSU und SPD, 1965-1969) hatte ich gesehen, daß der CDU-Kanzler Kiesinger eine neue Ostpolitik wollte, aber zu schwach war, sie in der eigenen Fraktion durchzusetzen. Kiesinger scheiterte am rechten Flügel seiner Fraktion, wie jetzt Helmut Schmidt an seiner Linken.

Eile war damals nötig. Wir hatten im Osten ein starkes Verhandlungspfand: die rechtliche Anerkennung des seit Kriegsende tatsächlich bestehenden Zustandes – also eines zweigeteilten Deutschlands ohne die Oder-Neiße-Gebiete. Aber je mehr Kinder in dem von Polen "besetzten" Gebiet geboren wurden, um so mehr Polen gewannen dort Heimatrechte; um so schwächer wurde unser Recht. Wir konnten Wichtiges dagegen einhandeln: die Sicherung West-Berlins. Der Osten mußte ein für allemal auf alle Schikanen gegen die Berliner und gegen die Bundesrepublik verzichten.

Um die Wirtschaftspolitik brauchte ich mich bei der Wahl 1969 nicht zu sorgen. Ludwig Erhard hatte uns eine kraftvolle, fast inflationsfreie Wirtschaft ohne Arbeitslose hinterlassen. Die SPD war auf das Godesberger Programm (der Marktwirtschaft) eingeschworen. Professor Karl Schiller und Finanzminister Alex Möller garantierten diesen Kurs. Außerdem konnte die SPD nicht allein regieren; in einer Koalition hätten (je nach Wahlausgang) CDU/CSU oder FDP für nötige Korrekturen gesorgt.

Staunend zuerst, bald aber erschreckt, sah ich, daß ich nicht eine politische Partei gewählt, sondern eine Bewegung (mit) entfesselt hatte. Wie erwartet, wurde Willy Brandt Bundeskanzler. Als Bürgermeister von Berlin hatte er den Respekt seiner Bürger, ja der Welt erworben. Entgangen war mir, daß er darüber für viele Deutsche zu einer Heilsfigur geworden war. Überrascht sah ich in meiner engsten Umgebung vernünftige Leute: Ärzte, Anwälte, Architekten, mir befreundete, bisher kühl rechnende Kaufleute; sie glaubten, mit Willy Brandt habe ein Zeitalter des Glücks und der Gerechtigkeit begonnen – wenn man es nur wollte.

Nach der Währungsreform hatte man sich noch mit deutlichen, aber bescheidenen Fortschritten zufriedengegeben – das hatte in zwanzig Jahren das Sozialprodukt verdreifacht. Jetzt brach auf einmal das Gefühl aus, eine "Neue Gesellschaft" könne durch bessere Planung die "ökonomische Bewegung" drastisch beschleunigen. Auch könne man die politischen – auch die wirtschaftspolitischen – Entscheidungsprozesse für die Nation sichtbar machen; das ganze Volk könne – demokratisch – den politischen Entscheidungsprozeß kontrollieren und beeinflussen. Für bessere Planung und größere Durchsichtigkeit stand der Name Ehmke. Er baute sofort ein scheußliches und zu großes Bundeskanzleramt und schnell einen teuren Planungsapparat, der nur Papier produzierte.

Weil man vermeintlich durch gute Planung ohne große eigene Anstrengung schnell reich werden konnte, ließen sich vermeintlich auch die Güter gerechter verteilen. Mehr Gerechtigkeit war die Parole. Sie löste ungeheure soziale Ansprüche aus. Sicher: An Aktien und an Grundstücken hatten einige Leue ohne Leistung viel "verdient"; der Ruf nach Gerechtigkeit war also verständlich. Nur war der Aktienboom 1969 ganz, der Grundstücksboom fast zu Ende.