Berlin

Was, Schäfer? Kann man gucken kommen?“ An ungläubige Reaktionen auf seinen Beruf ist Siegfried Hondo gewöhnt. Doch Journalisten und Besucher hat er stets abgewimmelt. Als Anschauungsobjekt für Berliner Schulklassen und Kindergärten zu dienen, darauf ist er wenig erpicht.

Etwaigen Vorstellungen einer idyllischen Pastorale hatte Siegfried Hondo schon am Telephon vorgebeugt. Ich solle meinen Paß nicht vergessen. Denn nachdem 1975 der zivile Luftverkehr West-Berlins nach Tegel verlegt und der Flughafen Tempelhof amerikanisches Militärgebiet wurde, bedarf auch ein Schäferstündchen des gelben Passierscheins.

Sicherheitsbestimmungen gelten bereits am Schlagbaum. Zu Recht hatte Siegfried Hondo, ein sympathischer, drahtiger Mann von 39 Jahren, von einem Fußmarsch abgeraten. Erst nach acht Kilometern, vorbei an Sport- und Grillplätzen der Armeeangehörigen, kündet vielstimmiges Blöken die Vierbeiner an.

Wie jeden Morgen versorgt Siegfried Hondo hier am Rande des Flugfeldes zunächst die Kummerkinder seiner Herde. Allein die Pflege der etwa 40 in Holzboxen sortierten Muttertiere und Lämmer nimmt drei bis vier Stunden des langen Arbeitstages in Anspruch. Ein Ohr muß verarztet, der angeknabberte Schwanz eines Lammes („Kannibalismus oder Vitaminmangel“, stellt der Schäfer lakonisch fest) begutachtet werden.

Mehrere Tonnen Zusatzfutter von August bis März sind bei einer Weidefläche von 300 Hektar in Siegfried Hondos Kalkulation enthalten. Doch in diesem Sommer, als bereits im Juli die grünen Grashalme zwischen den gelben Stoppeln zu zählen waren, ist dem Berliner Hirten klargeworden, warum sein Vorgänger nur fünf Jahre durchgehalten hat. Wenn es mit den Unmengen von gekaufter Mastkost so weiter gehe, sei er bald ein armer Mann. 50 Mark kostet ein Doppelzentner Hafer in West-Deutschland, 80 Mark in Berlin. Ohne Schaffleischprämie und ohne den Heuverkauf an Zoo und Pferdeställe sähe die Bilanz der Schäferei in diesem Jahr düster aus. 300 Schafe verkauft Siegfried Hondo jährlich an den Berliner Schlachthof in Spandau. Noch konnte der Viehbestand stetig vergrößert werden. Doch Anschaffungen großer Landwirtschaftsgeräte zum Einbringen der 24 000 Ballen Heu im Juni reißen ein Loch in die Kasse. Der Gedanke, aufzugeben und zurück auf den Bau zu gehen, ist Siegfried Hondo mehr als einmal gekommen.

Wie man Schäfer wird, hat Hondo vor über 20 Jahren in der DDR und in Bayern gelernt. Daß er sich vor drei Jahren an diesen nur kurz ausgeübten Beruf erinnerte und nochmals umsattelte, lag am Nachlassen seiner Kräfte. Akkordarbeit auf dem Bau war nicht mehr seine Sache. Bundesweit hatte die US-Mission, sein heutiger Vertragspartner, inseriert und zur Weidung des Flughafens gegen ein monatliches Salär Schäfer und Herde gesucht. Siegfried Hondos Mitbewerber scheiterte an der Sicherheitsprüfung. „Der Dumme, der gefunden wurde“, sagt mein vergnügter Gastgeber ohne echtes Bedauern, „war also ich.“

Urlaub? Den gab es seit drei Jahren nicht mehr. In Notfällen vertritt ihn ein Freund. Auch sein 16jähriger Sohn springt manchmal ein. Nicht zuletzt für ihn hält Siegfried Hondo die Schäferei – ein beruflicher Ausweg, sollte es mit anderen Lehrstellen nicht klappen. Die Tochter, flügge und ein „Citykind“, hat ähnliches Ansinnen entschieden abgelehnt.

Es ist mittags, als wir uns zur Koppel in der Mitte des Flugfeldes aufmachen und ich die Gangart eines Schäfers kennenlerne. Vom gemächlichen Trott der Herde bald ermattet, lasse ich mich zu Boden plumpsen. Siegfried Hondo bemerkt es mit Nachsicht. „Sehen Sie, sitzen – das tut ein Schäfer nie.“

Solange es saftige Weideflächen gibt, beschränkt sich das Hüten auf das Umsetzen des elektrisch geladenen Nylonzaunes. Jetzt, da die letzten Halme abgerupft werden, läßt mein Begleiter die freigelassenen Schafe nicht eine Minute aus den Augen. Immer wieder drängen sie zum Grünstreifen rechts und links der Landebahn. Doch das ist für die Schafe absolut verbotenes Gelände.

Charlie, mit Pfiffen zur Pflicht gerufen, ist deutlich überfordert. Nach zehnjährigem Dienst als Schäferhund macht er noch immer respektvoll einen Bogen um Muttertiere und Lämmer. Mehr als liebevolle Anrauzer hat er von seinem Herrn nicht zu befürchten. Besser ein Hund wahre Distanz, als daß er durch Übereifer die Schafe vom Fressen abhalte, meint der.

Vom trauten Landleben hat der gebürtige Berliner nie geträumt. Bei aller politischen Aufgeschlossenheit beobachtet Siegfried Hondo die Alternativbewegung „leidenschaftslos“. Was anders, so seine Ansicht, als „’ne Spinne“ ist es, wenn Ärzte und Juristen sich um eine Schäferstelle bewerben? Für ein Gehalt von circa 1000 Mark! Daß Teilnehmer an Wollspinnkursen ungewaschene Schafswolle verpönten, hat ihn in seiner Meinung bestärkt.

Auf den Gedanken, sich von innen zu besehen, ist er jedenfalls noch nicht gekommen. Früher, als junger Schäfer, habe er die Weltliteratur durchgekämmt. Jetzt nimmt er zum Hüten nur selten ein Buch mit. Vielleicht, weil er sich mit wachsender Erfahrung mehr auf die Schafe einstelle. Und bei der Besonderheit eines jeden „hat man dann auch den ganzen Tag den Kopp voll“.

Bettina Schroeter-Kleist