Man mag es Portal oder Eingang, Tor oder Zufahrt nennen – fast immer hat es zwei Pfosten, einen rechts und einen links, wie sich das für eine ordnungsliebende Architektur gehört. Torpfosten sind Eckpfeiler unserer automobilen Gesellschaft. Ordnungshüter, die die Richtung bestimmen und die Bahn begrenzen, die der Ankommende einzuschlagen hat. Der räumlichen Verhältnisse wegen muß er dazu meist auch das Lenkrad heftig einschlagen.Und weil oft genug Einschlag- und Einfahrtswinkel nicht deckungsgleich geraten, schlägt sich der Automobilist nicht selten auch denKotflügel ein.

Man kommt nicht so leicht um ihn herum, um den Pfosten. Rein statistisch betrachtet, aber auch ursächlich. Denn am Pfosten scheiden sich die Geister, scheuern sich die Autos. Der eine schafft es gerade noch, der andere nimmer. Das Geheimnis dieses Umstandeszu ergründen ist eine Aufgabe der Tiefenpsychologie,nicht der Bewegungslehre. Wer je sein Auto in der Einfahrt geparkt hat, wergar das Privileg der eigenen Einfahrt genießt – der ist auf dem Posten. Grund: der Pfosten.

Ein Zeitgenosse, dessen silbern schimmernder Sportwagen einst die Zierde eines ganzen Wohnviertels war, ist fast zum Gespött seines Quartiers geworden: Innerhalbweniger Monate bekam seine teure Karosse gleich viermal das stramme Schrammenmunter, das Torpfosten zu zeichnen pflegen.Einmal fuhr der Freund, einmal dieFrau, einmal die Haushälterin und schließlich der Autobesitzer selbst gegen den Begrenzungsbau. Jedesmal hatte er das Auto nach dem Crash in die Werkstatt gebracht, beim letzten Knall hat er aufgegeben: lieber eine Beule im Auto als ein Loch im Geldbeutel.

Doch man täte den Torpfosten unrecht, sähe man in ihnen nur ein Hindernis aufdem Weg zur automobilen Seligkeit. Der Pfosten ist schließlich auch der Repräsentationsträger einer auf Blech begründeten Gesellschaft, Je größer etwa die Einfahrt – alsoder Raum zwischen und hinter den Pfosten –, um so auffälliger geparkt steht meist dasAuto dazwischen oder dahinter. Ein schmuckloser Kleinwagen wird in einer mittleren Einfahrt zumindest optisch zum gehobenen Familienfahrzeug, und der Mittelklasse-Pkw wirkt in jener Einfahrt geradezu wieein Sechszylinder. Wird die Einfahrt gar zur Auffahrt, gerät der Kleinwagenzum schicken Interieur: Da weiß man auf den ersten Blick - dies ist ein Drittwagen, in dem der Zündschlussel nie abgezogen wird,

Ein herrschaftliches Entree ist ein Wertgegenstand. Das belegt nicht zuletzt jener Frankfurter Kaufmann, der kürzlich zwei Mietshauser angeboten bekommen hat. Er entschied sich für das eine, weil in der Immobilienanzeigedas Wort "Auffahrt" vorkam.Daß es dann trotzdem nur eine Einfahrt war, hat ihn nicht gestört. Eines jedoch störte ihn alsbald. Fremde Autos unbekannter Herkunft wilderten bei Tag und Nacht im eigenen Revier. Allzu oft erlebte der Einfahrtbesitzer, wie andere Autos sein Areal verstellten. Auch das Schildchen "Einfahrt freihalten" nützte nichts. Daraufhin mietete er sich in einer Tiefgarage ein. Mit der Einfahrt hat er nun keine Probleme mehr, aber mit den tragenden Säulen im Kellergeschoß. Die stehen so eng wie Torpfosten. Michael Schweizer