Alljährlich am 31. Oktober wird des Beginns der Reformation gedacht. Dieser Tag gilt deswegen als Reformationsbeginn, weil – so wird es seit gut vier Jahrhunderten gelehrt – der Professor Doktor Martin Luther, Subprior des Augustinerklosters zu Wittenberg und Inhaber des dortigen theologischen Lehrstuhls, am 31. Oktober 1517, demTag vor Allerheiligen, an die Tür der Wittenberger Schloßkirche 95 Thesen gegen den Ablaß angeschlagen habe. Mit seinen "markigen Hammerschlägen", die gleichsam bis nach Rom dröhnten und den Vatikan erzittern ließen, habe Luther, wie noch vor einigen Jahren ein protestantischer Kirchenhistoriker schrieb, den "Bau der mittelalterlichen Welt in Trümmer" geschlagen. Aber dieses altvertraute Bild, bekannt aus Geschichtsdarstellungen, aus der Historienmalerei, auch aus der Dichtung, steht auf unsicherem Grund.

Bis vor gut zwei Jahrzehnten hatte niemand Anlaß, den historischen Kern dieses Bildes anzuzweifeln. Es gab eine handschriftliche lateinische Notiz über jenen Vorgang, die man Luthers Famulus Johannes Schneider zuschrieb und die man als Augenzeugenbericht auffaßte. "Me teste", hieß es darin – "wie ich bezeugen kann".

Aber 1961 überraschte der Luther-Forscher Hans Volz die Fachwelt mit der Mitteilung, daß jenes, "me teste" auf, einem Lesefehler beruht; in Wahrheit steht in der Handschrift: "modeste" – "in bescheidener Weise". Und was bis dahin als Augenzeugenbericht gegolten hatte, besagte wörtlich nur dies: "Im Jahre 1517 legte Luther, in Wittenberg an der Elbe nach altem Universitätsbrauch gewisse Sätze zur Disputation vor, jedoch in bescheidener Weise und ohne damit jemanden beschimpft oder beleidigt haben zu wollen."

Dies war also nicht nur kein Augenzeugenbericht, es enthielt nicht einmal einen Hinweis auf den Thesenanschlag. Und damit war die eigentliche Basis für die Annahme jenes Ereignisses verloren. Daß Luther die Thesen angeschlagen habe, ist – wie der katholische Kirchenhistoriker Erwin Iserloh 1962 (und später) ausgeführt hat – zu Luthers Zeiten nie behauptet worden. Dazu kam es erst kurz nach seinem Tode (1564), und zwar in Philipp Melanchthons Vorrede zum 2. Band von Luthers Werken: "Luther gab Ablaßthesen heraus ... Diese hat er öffentlich an der Kirche in der Nähe des Wittenberger Schlosses am Vortage des Festes Allerheiligen 1517 angeschlagen."

Melanchthon war 1517 noch nicht in Wittenberg gewesen, und seine Vorrede enthält mehrere schwerwiegende Irrtümer über Luther; auch diese Aussage kann ein Irrtum sein, zumal niemand sonst bis dahin von einem Anschlag der Thesen gesprochen hatte. Auch Luther nicht! Luther hat mehrmals geschrieben, daß er seine Thesen über den Ablaß und gegen die üblen Praktiken Tetzeis und anderer Ablaßverkäufer am 31. Oktober 1517 mit Briefen an seinen Bischof, Hieronymus von Brandenburg, und zugleich an. den für den Ablaßhandel in Deutschland verantwortlichen Erzbischof Albrecht von Magdeburg-Mainz geschickt hat, "mit der Bitte, das schamlose Treiben und die lästerlichen Reden der Ablaßprediger zu unterbinden". Einer dieser Briefe ist erhalten.

Er habe die Thesen auch nicht selber veröffentlicht, also nicht zum Druck gegeben, sondern sie, als er von den Bischöfen keine Antwort bekam ("aber man schenkte dem armseligen Mönch überhaupt keine Beachtung"), in Abschriften an mehrere Freunde geschickt. So schrieb er es in der Vorrede zum 1. Band seiner Werke. Das war zwar 28 Jahre nach dem Ereignis von 1517, und Luther war inzwischen 61 Jahre alt, aber es besteht kein Grund zu der Annahme, er habe sich nicht mehr richtig erinnern können (oder wollen). Er hat auch vorher schon diese und nie eine andere Darstellung der Vorgänge von 1517 gegeben. So in einem Brief an Papst Leo X. (1518), in einem Brief an seinen Landesherrn Friedrich den Weisen (1518) und in seiner Schrift "Wider Hans Worst" (1541).

Mehrmals hat Luther auch betont, er habe die Thesen erst dann an Freunde gegeben, nachdem er auf seine Briefe vom 31. Oktober ohne Antwort geblieben war: "Aber mir ward kein antwort... Also gienger meine Propositiones aus wider des Detzels Artickel" ("Wider Hans Worst"). Diese zweite Fassung seiner Thesen (mit zwei neu eingefügten; die erste Fassung bestand aus 93 Thesen) wurde von Luthers Freunden zum Druck gegeben und fand rasch Verbreitung.