Heidelberg

Noch 1933 erschienen in Heidelberg fünf lokale Tageszeitungen. Nach dem Krieg waren davon zwei übriggeblieben: die SPDnahe Rhein-Neckar-Zeitung und das kleinere konservative Heidelberger Tageblatt, das zunächst teilweise und 1968 vollständig in den Besitz der Haas-Gruppe überging. Diesem Verlagshaus gehört u. a. die Mannheimer Morgen Großdruckerei und Verlag GmbH.

In den 60er Jahren, zur Zeit der Studentenrevolte, tauschten die beiden Lokalzeitungen ihre politische Position: Während die Rhein-Neckar-Zeitung nach rechts rückte und seither in sämtlichen Konflikten die Rathausmeinung vertritt, bemühte sich das Tageblatt gelegentlich zaghaft um ein liberales Profil.

Am Montag vergangener Woche wurde den 97 Verlagsangestellten (darunter 26 Redakteuren) vom Geschäftsführer der Haas-Gruppe, Wilhelm Stetter, mitgeteilt, daß das Tageblatt zum 31. Dezember dieses Jahres eingestellt wird – zwei Jahre vor seinem 100. Jubiläum. Die Zeitung, die – im Mantel des Mannheimer Morgen – neben einer selbständigen Lokalredaktion noch vier Außenredaktionen (in Eberbach, Mosbach, Sinsheim und Wiesloch) unterhält, war seit langem defizitär. Als "Flächenzeitung" mit einer relativ geringen Auflage von knapp 17 000 Exemplaren über ganz Nordbaden verteilt, habe das Tageblatt die steigenden Kosten, und vor allem den Einbruch im Anzeigengeschäft nicht mehr verkraften können. "Einmal muß Schluß sein" (Stetter).

Allerdings hatte die Geschäftsführung das Tageblatt erst vor drei Jahren mit einer nagelneuen Bildschirm-Technologie versorgt. Man hatte die Redaktion verkleinert, Kosten eingespart; die lokale Leitung hatte Durchhalteparolen ausgegeben. Niemand habe, sagt Chefredakteur Kimpinsky, an ein so schnelles Ende geglaubt.

Zumindest die Redakteure und Techniker wurden am schwarzen Montag überrascht. Chefredakteur Kimpinsky und sein Stellvertreter Spataru indes waren nach Auskunft von Geschäftsführer Stetter bereits drei Tage vorher über die geplante Schließung informiert worden, verschwiegen dies aber der Belegschaft. Spataru verfaßte noch zwei Tage vor Bekanntgabe der Einstellung einen Artikel mit der Überschrift: "Zukunfts-Strategie eines Verlags: Zeitung und Fernsehen gehen Hand in Hand". Darin berichtete er euphorisch über den Kauf eines Fernsehstudios durch die Haas-Gruppe, die so ihren Einstieg ins Kabelfernsehen vorbereitet. Und er zitierte beflissen Stetters Äußerung zur "Politik des Hauses": "Wir müssen uns der medienpolitischen Herausforderung unserer Zeit aktiv stellen, aus der Erkenntnis heraus, daß ein Zeitungsunternehmen, wenn es in seiner Existenz nach Sicherung sucht, sich zukunftsbezogen nicht mehr auf das reine Print-Medium, also auf das Papier allein, beschränken kann und darf."

Diese Veröffentlichung und die Bekanntgabe der Einstellung des Tageblatts kurz darauf drängte den betroffenen Angestellten und den Lesern einen Zusammenhang förmlich auf: Die Haas-Gruppe entledigt sich ihres Abschreibungsprojekts Tageblatt zu dem Zeitpunkt, da ihr eine Investition im Bereich der neuen Medien günstig erscheint. Es geht ihr weder um die Erhaltung von Arbeitsplätzen noch um Meinungsvielfalt, sondern schlicht um Gewinn. Sie muß sowohl im Pilotprojekt Kabelfernsehen von Rheinland-Pfalz als auch im geplanten Privatfernsehen Baden-Württembergs mitzumischen yersuchen, um sich der übermächtigen Konkurrenz der Rheinpfalz und der Stuttgarter Zeitung zu erwehren.