Es ist noch immer ein wissenschaftlicher Gemeinplatz, das umfangreiche Buch von Montesquieu als ersten Vorreiter der französischen Aufklärung zu preisen; gewiß, als einen noch recht konservativen Vorreiter, der von der ~~~~~~~~~~~ ~~~~~~~~ ~~~~~~~~~~~~ wurde. Freilich ist letztere Einschränkung nur dann wahr, wenn man Radikalismus da eine "per capita" Leistung im engeren Sinne des Wortes sieht, das heißt, ihn an der Zahl der abgeschlagenen Köpfe mißt. Es gibt aber auch einen anderen Maßstab für Radikalität, nämlich den Grad der Maßstab einer Theorie für die nach der Französischen Revolution geborene, moderne Welt. Legt man diesen zweiten Maßstab an, dann ist Montesquieus Werk in mehrfacher Hinsicht eines der radikalsten überhaupt.

Wer mit Dürkheim übereinstimmt, daß die komparative Soziologie nicht nur eine Richtung der Soziologie ist, sondern Soziologie an sich, wird Montesquieus Buch als das erste genuine Werk der modernen Soziologie betrachten. Das, in der Tat, ist Wirtschaft und Gesellschaft des achtzehnten Jahrhunderts, oder, besser gesagt: Wirtschaft und Gesellschaft ist Der Geist der Gesetze des zwanzigsten Jahrhunderts. Wie Montesquieu, so forscht auch Weber dem Geist der Institutionen nach. Der Geist des Kapitalismus und Der Geist der Gesetze sind nah verwandt, sogar im Titel.

Der Geist der Gesetze ist nach Montesquieu die sittliche Welt eines Volkes. Gesetze (Institutionen) sind keine Exportwaren; die Veränderung der sittlichen Welt ist die Vorbedingung für die Einpflanzung neuer Institutionen. Die sittliche Welt selbst ist ein Komplex von heterogenen, doch einander gegenseitig bedingenden Faktoren. Die wichtigsten davon sind die folgenden: ökologische, demographische, geographische Faktoren, die Größe der Integration, die Art und Weise der Produktion, die ökonomischen Strukturen, wie auch Lebensformen, Religion, spezifische Traditionen, Moral und politische Ethik. Innerhalb dieses Komplexes mißt Montesquieu den ökologischen Faktoren eine äußerst große Bedeutung bei. Damit meint er aber nicht, daß diese Faktoren die Totalität der Sitten und Institutionen eines Volkes determinieren. Im Lichte der heutigen Geschichtsschreibung (so zum Beispiel Braudels "La Méditérranée") ist diese theokratische Hypothese kein unerhörtes Wagnis mehr, sondern eine geniale Vorläuferin heutiger Völkerkunde.

Die Theorie über den "Geist der Gesetze" erscheint schon am Anfang des Buches als eine Hypothese, und sie ist gegen die normative Geschichtsschreibung gerichtet. Montesquieu hatte es sich zur Aufgabe gemacht, diese Theorie an empirischem Material zu verifizieren. Die Fülle der Mikroanalysen kann ebenfalls nur mit Webers Werk verglichen werden. Gänzlich verschiedene Kulturen werden von gleicher Perspektive aus analysiert. Von Rom bis zur Türkei, von Griechenland bis Indien und China, von den germanischen Stämmen bis hin zu den Inkas, von Ost-Europa bis Amerika und Afrika wird nichts außer acht gelassen, was zu den verschiedenen menschlichen Kulturen in irgendeiner Weise beigetragen hat. Trotz der Spärlichkeit der zur Verfügung stehenden Fakten, spärlich im Vergleich mit unserer Zeit, zeichnen sich einige historische Analysen durch ihre Frische und Relevanz aus. Ein gutes Beispiel bietet die Beschreibung des im wesentlichen despotischen Charakters von China, die Montesquieu polemisch gegen die damaligen Maoisten, die Jesuiten, richtet. Alle seine Theorien über Recht, Familie, Landwirtschaft, Geld, Nationalstaat, Religion, ebenso wie die über Selbstmord, Alkoholismus, – Homosexualität, sind in diesen Mikroanalysen enthalten.

Im Gegensatz zur "Wirtschaft und Gesellschaft" ~~~~~~~~~~ ~~~~~~~~~ Montesquieu, die politische Freiheit in der modernen Gesellschaft verwirklichen zu können. Sein Glaube wird aber nicht evolutionstheoretisch begründet. Montesquieu differenziert zwischen Republik, Monarchie und Despotismus, und er leugnet nicht, daß die Republik, besonders die demokratische, sicher freier ist als die zeitgenössische Monarchie. Mehr noch: Seiner Meinung nach ist der Geist der Republik die politische Tugend, während der Geist der Monarchie eher die politische Ehre sei. Die politische Ehre, im Gegensatz zur Tugend, ist aber klassenbestimmt. In der Monarchie gibt es wenig tugendhafte Leute, sagt Montesquieu, womit er das Thema "der Entzauberung der Welt" schon leise anschlägt. Die Größe der heutigen Nationalstaaten sei jedoch mit keiner republikanischen Konstitution vereinbar. Menschliche Tugend würde erlöschen, eine neue Form der politischen Freiheit könne aber erreicht werden.

Die Monarchie von Montesquieu ist nicht notwendigerweise eine Monarchie im engeren Sinne des Wortes. Sie ist identisch mit der repräsentativen Regierung überhaupt. Wir wissen wohl, daß seine freie repräsentative Monarchie auf der Teilung der drei Mächte beruht. Man sollte die Mächte teilen, weil wir nicht mehr tugendhaft sind. Wir wissen auch davon, daß Montesquieu, als einer der Väter des Liberalismus, in England ein Modell einer zukünftigen repräsentativen Regierung sah. Letztere Vorstellung, obwohl allgemein bekannt, ist aber nur sehr bedingterweise wahr. Nicht die faktische, soziale und rechtliche Situation Englands liefert ihm das Modell, sondern nur die Legitimation durch Legalität, von der Weber später als "rationale Legitimation" sprechen sollte. Legitimation durch Recht ist unsere Möglichkeit für politische Freiheit, doch an sich noch keine wirkliche Freiheit. Ob sie zur wirklichen Freiheit wird, hängt von den inhaltlichen Elementen des Rechtssystems ab. Montesquieu zählt eine ganze Reihe der für ein Rechtssystem wesentlichen inhaltlichen Voraussetzungen auf, die die Sicherheit aller Staatsbürger garantieren könnten, die aber in dem damaligen England überhaupt nicht garantiert waren. Montesquieu schwebt ein noch nicht verwirklichtes Ideal vor. Um es zu erreichen, wurde aber mit der Legitimation durch Legalität der erste und wesentliche Schritt schon getan: Montesquieu war weder utopisch noch apologetisch gesinnt.

So ist "Der Geist der Gesetze" kein tragisches, aber auch kein enthusiastisches Buch. Montesquieus realistischem Vertrauen bleibt immer ein gewisser Skeptizismus eigen. Er will verstehen und nicht richten. Er will verstehen, um zu verbessern.