Von Klaus-Jürgen Sembach

Mit 75 hat man den wünschenswerten Gipfel erreicht: Man ist würdig, anerkannt und geehrt, wird achtungsvoll geliebt, sogar die ärgsten Feinde sind versöhnt. Nichtsdestoweniger ist man alt. Ist der Deutsche Werkbund alt?

Es gibt ihn, kein Zweifel, seit einem Dreiviertel-Jahrhundert, womit er in eine Phase eingetreten sein könnte, die analog zum menschlichen Leben als beginnende Vergreisung bezeichnet werden muß. Eine Vereinigung jedoch, die wie der Deutsche Werkbund mehrfach vehement zu Tode geredet worden ist – und das mit Vorliebe aus den eigenen Reihen –, und die dann jedesmal wieder so auferstanden ist, wie das hoffentlich bei den Landstrichen der Rhein- und Alpenregion, zu deren Bewahrung sie aufgerufen hat, auch der Fall sein wird – eine solche Vereinigung hat es nun nicht nötig, sich die üblichen Jubiläumsfragen nach Zukunft und weiterer Lebensdauer stellen lassen zu müssen. Der Werkbund kann nicht sterben – einmal, weil sein idealistischer, von Eigennutz freier Charakter die üblichen Symptome des Verschleißes nicht aufkommen läßt, zum anderen, weil er inzwischen zu einer nationalen Institution geworden ist, zu einer wirklich deutschen Einrichtung – was nichts damit zu tun hat, daß viele ihn nicht kennen. Dritter Grund ist schlicht seine Notwendigkeit: Man braucht ihn als Mahner, Anreger, Korrektor des öffentlichen Gewissens.

Kurz umrissen ist der Werkbund eine idealistisch gesinnte Vereinigung von zumeist schöpferisch arbeitenden Menschen zum Zwecke der ästhetischen Verbesserung unserer Umwelt. Er ist ein Verband, der nicht unmittelbar eigene Interessen verfolgt, sondern kulturpolitisch korrigierenden Einfluß ausüben möchte zugunsten der Allgemeinheit. Das versucht er mit Hilfe von Publikationen, Ausstellungen, Vorträgen und sonstigen Veranstaltungen zu tun. Der Blickwinkel reicht dabei von der Gestaltung eines kleinen, alltäglichen Gerätes bis zur Rettungsaktion für eine ganze Landschaft. So hat der Werkbund vor der "großen Landzerstörung" schon zu einer Zeit gewarnt, als das Bewußtsein für eine solche Gefahr überhaupt noch nicht erwacht war. Seine Wirksamkeit ist beschränkt, aber durch die Streuung seiner Handlungen letztlich größer, als es zuerst scheint. Er lebt von den Beiträgen seiner Mitglieder und wenigen Zuschüssen der öffentlichen Hand. Daß letztere gerade jetzt erheblich gekürzt wurden, ist ein Symptom für das Kulturverständnis in der Bundesrepublik – zu dessen Veränderung der Werkbund stets aufgerufen hat, zum Beispiel in seiner klugen, konzentrierten Monatszeitschrift werk und zeit (die sich ihm jetzt sehr anregend gleich in vier Nummern zuwendet).

Was nun das innere Wesen der Vereinigung anbetrifft, so ist es wohl am besten, sie buchstäblich beim Namen zu nehmen. Die Wortverbindung "Werk-Bund" umreißt tatsächlich ein ganzes ideologisches Konzept, und das Adjektiv "deutsch" erübrigt sich fast angesichts des unverkennbar idealistischen Klanges. "Werken" als gutes, selbstloses Tun und "bündisches" Zusammengehen für ein hohes Ziel – das sind Vorstellungswelten, die nicht nur deutlich, sondern auch miteinander verwandt sind.

Der Name war offenbar von Anfang an so passend, daß es in den vergangenen fünfundsiebzig Jahren nicht notwendig war, ihn zu überdenken oder seiner Entstehung kritisch nachzugehen. Ich habe jedenfalls keine Angabe darüber gefunden, wer am 6. Oktober 1907 der gerade gegründeten Vereinigung von Künstlern, Kritikern und Fabrikanten den Namen Werkbund gegeben hat – weder in Joan Campbells Buch "Der Deutsche Werkbund, 1907-1934" (Klett-Cotta, Stuttgart, 1981), in dem die amerikanische Autorin mit Einfühlung und weithin gewahrter Zurückhaltung die ersten beiden Lebensphasen des Werkbundes nachzeichnet und dabei vor allem die Widerstände gegen den Nationalsozialismus ausführlich belegt, noch in der Schriftensammlung, die G. B. von Hartmann und Wend Fischer 1975 in München zusammen mit einer Werkbund-Retrospektive veröffentlicht haben. Man kann daraus den Schluß ziehen, daß es keine Mühe gemacht hat, die richtige Bezeichnung zu finden. Sie ergab sich offenbar von selbst, weil die Absichten und das Programm längst feststanden.

Der Hinweis auf den betont deutschen Charakter des Werkbundes bedarf nun der Erläuterung, damit kein Mißverständnis aufkommt. Seine Physiognomie rührt her aus der Zeit ihrer Gründung. Er entstand unmittelbar nach dem raschen Tod des Jugendstils, zu einem Augenblick, als Betroffenheit darüber herrschte, was der euphorische Aufbruch der Jahrhundertwende tatsächlich bewirkt hatte. Ein Moment der Reue setzte damals plötzlich ganz andere Hoffnungen und Gedanken in Bewegung als zehn Jahre zuvor, als es so schien, die Welt ließe sich total in Kunst verwändein.