Von Gabriele Venzky

Als sie vierzehn Jahre alt war, wurde sie Witwe. Ihr Mann war mit 64 gestorben. Schon als kleines Mädchen war sie mit ihm verheiratet worden, so macht man es auf dem Dorf in Indien. Eine Woche hatte sie mit ihrem Ehemann zusammengelebt. Nun, da der alte Mann gestorben war, wollte sie Sati machen: den Kopf des Toten in ihren Schoß nehmen und sich mit ihm verbrennen lassen. Angeblich soll sie nicht von ihrem Vorhaben abzubringen gewesen sein. Deshalb traten ihr die Eltern auf dem Weg zum Scheiterhaufen entgegen und bewarfen sie mit Schmutz. Denn eine unreine Frau darf nicht Sati begehen. Die so erzwungene Denkpause brachte das Kind zu dem Entschluß, weiterzuleben.

– Um sie aufzuheitern, gab man ihr den kleinen Sohn des Bruders, zum Bemuttern. Doch auch der Neffe starb nach einigen Jahren plötzlich an einer Krankheit. Abermals wollte sie sich in die Flammen; stürzen, ein ungwölmlicher Wunsch; Denn Hindu-Frauen habe sich nur zu verbrennen, wenn der Ehemann gestorben ist. Wieder hinderte man sie, sich zu töten.

Da verließ sie ihre Familie und ging in die Wüste, um dort zu beten und zu meditieren. Von Stund an verweigerte sie auch Essen und Trinken. Nicht einen einzigen Krümel Brot, nicht einen Tropfen Wasser hat sie seit vierzig Jahren zu sich genommen. Dennoch lebt sie. Sie ist für die Menschen das Sati Mata – Mütter Sati –, das Wunder in der Wüste.

So erzählt man sich ihre Geschichte, und alle im Wüstenstaat Rajasthan haben schon einmal von ihr gehört, selbst in den entferntesten Winkeln, in denen es keine Straßen und kein Telephon gibt und die nur mit dem Kamel zu erreichen sind. Sie sprechen mit Verehrung von ihr, wie von einer Heiligen. Und so verehren sie sie auch. Denn Sati, der Verbrennungstod von Frauen, seit 1829 gesetzlich verboten ("von den Engländern, die nichts davon verstehen"), steht im Indien des Jahres 1982 hoch im Kurs.

Gerade erst hinderte wieder eine wütende Menschenmenge Polizisten daran, eine Witwe aus dem Scheiterhaufen ihres Mannes zu zerren. Die Leute wollten sie brennen sehen. Und die fassungslosen – da aufgeklärten – Politiker in Delhi mußten erleben, wie eine Demonstration von mehreren hundert Frauen, allein ihren prächtigen Hochzeitsgewändern, am Parlament vorbeizog und die Errichtung eines Tempels an der Stelle forderte, an der eine Frau Sati gemacht hätte – vor 650 Jahren.

"Was kann es Schöneres im Leben einer Frau geben als Sati?" Diesen Spruch habe ich oft gehört, von Männern wie Frauen gleichermaßen. Der Hinweis, wie qualvoll der langsame Verbrennungstod sein muß – nicht ohne Grund hat Europa schließlich seine sogenannten Hexen auf Scheiterhaufen umgebracht wird schnell abgetan: "Das können Nicht-Hindus kaum verstehen." Selbst westliche Darstellungen verbreiten deshalb gedankenlos den Unsinn von den "heroischen, ... stolzen Frauen", die voll "wahrer Liebe und Hingabe in den Flammen-Opfertod" gehen. Hat man jemals von einem Witwer gehört, der zu seiner Frau auf den Scheiterhaufen gesprungen ist?