Eine einzige Regierungserklärung, in der viele fremde Federn herumzeichnen, genügt jedenfalls nicht, um daraus einen "Mann ohne Eigenschaften" zu destillieren. Der ZEIT-Leitartikler hatte recht, als er es zu billig und unpolitisch nannte, die "vollmundige Gemeinsinn-Rhetorik ins Lächerliche zu ziehen". Gleichwohl findet sich im Feuilleton derselben Nummer bereits das endgültige "Aus" für den Stilisten Kohl. So leicht sollte man es sich nicht machen, das muß heranreifen.

Die "Süddeutsche Zeitung" in ihrem Streiflicht vom 23. Oktober 1982

So breit im sprachlichen Niemandsland wie der Pfälzer a. D. macht sich ohnehin keiner – und dabei ist Bonn eine große Scheuer für leeres Stroh. Als die FDP es noch andersrum trieb, hielt Kohl ihr das, 1974, so vor: "Was passiert, wenn die FDP auf Gedeih und Verderb mit der SPD ins Bett steigt, und zwar in einem so langen Prozeß, daß es für uns anfängt, uninteressant zu werden, auf diesem Klavier überhaupt spielen zu wollen?" Nun spielt er in Genschers Bett Klavier, es ist ein langer Prozeß, und er ist schon deshalb nicht uninteressant, weil er mit so viel Stil und Würde absolviert wird.

Hellmuth Karasek: "Der sprachlose Schwätzer erschienen im "Spiegel" vom 25. Oktober 1982

Kerker Kuba

Zwei unscheinbare Agentur-Meldungen sagen mehr über die kubanische Wirklichkeit aus, als der Mann erzählen könnte, der, zweiundzwanzigjährig, von Fidel Castros kommunistischer Gesinnungspolizei als "Konterrevolutionär" verhaftet und jetzt, nach zweiundzwanzig zum Teil in Dunkelhaft verbrachten Jahren, freigelassen wurde. Wenige Stunden nach der Ankunft in Paris wurde noch gemeldet, der Schriftsteller Armando Valladares wolle sich nicht äußern über Jahre – die Hälfte seiner bisherigen Lebenszeit –, in denen er bis zu Tuberkulose, Herzkrankheiten, Hungerödemen und zu teilweiser Lähmung gefoltert worden war, um noch in Kuba lebende Mitglieder seiner Familie nicht zu gefährden. Keine vierundzwanzig Stunden später kann dieselbe Agentur melden, Valladares habe Castros Regime als "Diktatur" angegriffen. Obwohl selbst die Ermittler seine Unschuld als erwiesen angesehen hätten, sei er als "möglicher Feind der Revolution" 1960 zu dreißig Jahren Haft verurteilt worden. Was ist in dem Tag zwischen beiden Meldungen geschehen? Hoffentlich keine "Nötigung" durch Reporter einer sich "frei" fühlenden Presse, sondern die Einsicht, daß gegen Diktaturen in Ost und West nur eines hilft: der Protest. Auch Valladares ist freigekommen nur, weil der französische Staatspräsident Mitterrand und sein Lateinamerika-Berater, der Schriftsteller Régis Debray, weder Ruhe gaben noch sich auf den Konfrontations-Kurs der Embargo-Politik Reagans zwingen ließen, sondern Castro und sein Regime, die das Wohlwollen der Weltöffentlichkeit dringend brauchen, unter Druck setzen konnten.

Veteranen-Treffen