Der Tempel bei Sonnenaufgang

Von Roswitha Steffen

Den deutschen Biedermann möchte ich sehen, der diesen Spruch in Ägypten aufgebracht hat. Von Sakkara bis Assuan – jeder Postkartenverkäufer, Andenkenhändler und Kameltreiber hat ihn flugs auf den Lippen, sowie er deutsche Touristen erkennt oder auch nur ahnt. Jeder ägyptische Fremdenführer würzt seine Einführungen vor Tempeln und Grabeingängen mit "Eile mit Weile".

Besonders grotesk wirkt das angesichts des Getümmels im Tal der Könige, wo ganze Heerscharen drängelnd darauf warten, Einlaß in die Gräber von Amenophis, Sethos I., Ramses VI. und Tutench-Amun zu finden. Vor diesen, teilweise phantastisch erhaltenen, farbigen Reliefs und Wandmalereien möchte man gerne länger verweilen. Bei Tut-ench-Amun sehen die Wandmalereien so frisch aus, als hätten die Künstler vor Augenblicken erst die Pinsel aus der Hand gelegt. Blitzen ist hier nicht erlaubt – man fragt sich ohnehin, wie lange noch die Kunstwerke dem Besucherstrom standhalten werden. "Haben alle alles gesehen?" – Draußen warten die nächsten. Unverdrossen scheint unser Führer George sich selber Trost zuzusprechen, mit seinem Eile mit Weile.

Man sollte es einfach so machen wie der reiche Herr Ti auf dem Konterfei in seinem Grab in Sackara: Unangefochten ob des Treibens rings um ihn steht er gelassen in seinem Boot und gleitet unbeirrt durch das Papyrus-Dickicht. Zeigen die Wände in den Pharaonengräbern hehre Szenen aus der Mythologie zwischen Göttern und Königen, so geben die Gräber der einfachen,wenn auch noblen Zeitgenossen Aufschluß über das normale tägliche Leben in all seiner bunten Vielfalt. Mereruka, der Wesir des Königs Teti (6. Dynastie, um 2280 v. Chr.), ging sogar so weit, sich selber, mit Farbmuscheln in der Hand, vor einer Staffelei darstellen zu lassen. Auf anderen Bildern werden Felder bestellt oder abgeerntet, Ochsen geschlachtet, Gänsescharen gehütet, Boote gebaut und Feste gefeiert. Es ist eine Lust, das alles zu beschauen.

Ein Jet am Haus des Hadschi

Das Leben in den Döfern spielt sich heute ähnlich ab. Die Häuser aus Lehmziegeln sind meist schmucklos. Nur in Kena, wo besonders beliebte Tonkrüge für Trinkwasser hergestellt werden – sie sind ganz leicht und halten vorzüglich kühl –, mauert man schadhaft gewordene Krüge in die Wände ein. Das ergibt ein hübsches Muster und soll auch die Räume gut kühlen. Die Häuser von "Hadschis", also von Mekkapilgern, prunken mit farbenprächtigen Gemälden über die ganze Vorderfront. Die Malerei zeigt an, auf welche Art der Pilger nach Mekka gelangte, ob per Flugzeug, Schiff oder gar auf dem Kamel. Eile mit Weile.