Nehmen wir mal an, eine Juwelenhändlerin wird tot in ihrem Laden gefunden, es fehlt nichts vom Schmuck, der geschiedene Ehemann hat keine Ahnung und der Geliebte ist verschwunden. So. Und jetzt kommen unsere Fernsehkömmissare – was machen die?

Inspektor Marek würde den Fall beim Essen in der Polizeikantine laut mit seinem Kollegen Wirz besprechen und schon von vornherein wissen, daß das Terroristen waren. Kommissar Schäfermann würde seinen empörend törichten Assistenten Backes zur Bewachung im Juwelierladen abstellen und selbst irgendwo einen starken Kaffee trinken, um nicht vor Langeweile einzuschlafen. Kommissarin Wiegand wäre sofort von dem Fall überfordert, weil auch der Geschiedene der Toten wieder mal gar nicht glauben will, daß es überhaupt eine Kommissarin gibt, und dann würde sie zwei Kilo Büroklammern verbiegen und dabei solange telephonieren, bis der Fall gelöst wäre. Derrick würde die Augenbrauen runzeln und alle Hausbewohner fragen, wo die gestern abend um 19 Uhr 34 waren und warum.

Kommissar Trimmel würde unverzüglich den bisher verschollenen, langhaarigen Sohn der Ermordeten aufspüren, verhaften und mit lüsternem Glitzern in den Augen zu ihm sagen: "Warte, Bürschchen, dich kriege ich schon klein, und wenn wir bis Weihnachten hier sitzen." Kommissar Veigl würde die Sache an seine Assistenten Brettschneider und Lenz delegieren und nur am Schluß ein Machtwort sprechen. Kommissar Schimanski würde noch am selben Tag den Geliebten der Ermordeten in dem Bordell finden, in dem er selbst noch von früher alle Mädchen kennt, würde ihn krankenhausreif schlagen, sich dann sofort dafür entschuldigen und sich einen antrinken. Und wenn alle Beteiligten an dieser unschönen Geschichte ihre Probleme vorher mit dem Alten, also mit Hauptkommissar Erwin Köster besprochen hätten, dann hätte der Mord gar nicht erst passieren müssen. (Und wenn Alfred Hitchcock den Film gedreht hätte, dann hätten wir gar keinen Kommissar gebraucht, sondern ein Typ wie Cary Grant hätte den Fall gelöst.)

Wir brauchen aber Kommissare. Das ZDF nennt denn auch folgerichtig seine Krimis gleich "Der Kommissar" oder "Der Alte" oder "Derrick", die ARD tut so, als sei der "Tatort" selbst wichtig, aber auch hier sollen wir nur sehen, wie tüchtig unsere Polizei ist. Die Kommissare sind sehr verschieden: alt und jung, dick und dünn, witzig und fad, bedächtig und schnell. Nein – die Kommissare sind sehr ähnlich: Sie lösen immer alle Fälle und wollen, daß das Gute siegt. Sie warnen uns vom Bildschirm, keinen Schritt vom Pfad der Tugend abzuweichen; wenn es aber doch mal passiert, dann sind wir auch schon da, guten Abend.

Die Methoden der Kommissare, das habe ich anfangs versucht zu erklären, sind sehr unterschiedlich: Was der eine am Telephon klärt, schafft der andere nur mit Herumhetzerei. Schimanski hat einen gleichberechtigten Kollegen, alle anderen haben Assistenten. Hauptkommissar Köster ist zu den Seinen wie ein Vati, er sagt "Gerd" und "Du", aber Gerd muß "Chef" und "Sie" sagen, eben doch kein richtiger Vati. Die vielen Morde deprimieren Köster sichtlich, er wird von Folge zu Folge kummervoller und trägt seinem Namen "Der Alte" dadurch immer mehr Rechnung. Zweifellos hat Köster zu Beginn seiner Laufbahn in der Volkshochschule den Grundkurs "Psychologie ohne Mühe" besucht, der es ihm ermöglicht, Mörder und Ermordete sofort klar voneinander zu unterscheiden und mit Tätern barsch, mit Hinterbliebenen dagegen gütig zu reden.

Bei Derrick gibt es nicht barsch oder gütig, Derrick ist immer knapp, beherrscht, höflich, leise, ein Mann, ein Fall, ein Weg, hier hat kein Täter eine Chance.

Die Kommissarin Wiegand muß noch viel lernen, ihr unterlaufen grobe Patzer, aber sie untersteht eben auch der Doppelbelastung der berufstätigen Frau. Dafür hat sie einen guten Instinkt, den aber ihr Assistent fälschlich als weibliche Laune abtut, was ein sehr schöner Stoff für Konflikte ist. Nach Verhören pudert sich die Kommissarin die Nase, das unterscheidet sie von allen andern Kommissaren, die wir kennen.