Dem Staat ist die Entschädigung zu teuer

Weinstadt

Beinahe die Hälfte seines Lebens kämpft Reinhold Wilhelm, 80 Jahre alt, um seine Rehabilitierung; 1934 war der frühere Weingärtner aus Weinstadt wegen "hebephrener Schizophrenie" auf Beschluß des "Erbgesundheitsgerichts" in Waiblingen zwangssterilisiert worden.

Vor zwei Jahren hat er auf Betreiben des Petitionsausschusses des Deutschen Bundestags "im Wege einer Vergleichsregelung eine einmalige Entschädigung in Höhe von 5000 Mark" erhalten. Doch mehr liegt Wilhelm daran, "daß das an mir begangene Unrecht auch als solches anerkannt wird". Das aber ist bis heute nicht geschehen.

Das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses", das das Lebensschicksal des Reinhold Wilhelm geprägt hat, ist noch 1945 "stillschweigend und mit flackerndem Gewissen" (so der Marbacher Professor Dr. Helmut Ridder) "außer Anwendung gesetzt worden". Seither ist Wilhelm unermüdlich auf der Suche nach Gerechtigkeit, versucht mit den ihm gegebenen bescheidenen Mitteln auf allen nur denkbaren Behörden- und Gerichtswegen sich von einer "Schmach" reinzuwaschen, die in seinen Augen auch durch die Zeit nicht kleiner wird.

Die Entmündigung Wilhelms wurde zwar 1950 vom Vormundschaftsgericht aufgehoben, doch die Gerechtigkeit, die er sich wünschte, widerfuhr Wilhelm nicht. Daß beispielsweise das Oberlandesgericht Stuttgart den Beschluß des "Erbgesundheitsgerichts" als "rechtsfehlerhaft und anfechtbar" bezeichnete, nutzte ihm ebensowenig wie die Feststellung des Petitionsausschusses des Bundestags, daß die Zwangssterilisation "der Rechtsauffassung von der Würde des Menschen widerspricht". Juristen und Bürokraten verschanzten sich hinter Paragraphen, die Politiker verlegten sich überwiegend aufs Trösten oder auch darauf, den alten Mann zu verwirren, indem sie den jeweiligen parlamentarischen Gegenspieler für das Nichtstun verantwortlich machten.

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