Über dieses Stück, das viel redet, ist alles gesagt worden. Als im August der Regisseur Wim Wenders bei den Salzburger Festspielen Peter Handkes "Dramatisches Gedicht" "Über die Dörfer" uraufgeführt hatte, brach über den Autor das Strafgericht herein: In der ZEIT sah man den Dichter "himmelwärts" davonfahren, im Spiegel war er eingekehrt ins "gemütliche Wirtshaus zum Tiefsinn". Die Frankfurter Rundschau geißelte die "aufgeblähten Sätze" eines "geschwätzigen Predigers". Und der Kollege von der Stuttgarter Zeitung beschrieb ergötzlich seinen langen, schließlich verlorenen Kampf gegen den Theaterschlaf.

Für Handkes Verächter war das Debakel eine Genugtuung: die endgültige Entlarvung eines falschen Heiligen. Aber auch für Handkes Verehrer schien das Stück eher eine Peinigung, wenn nicht eine Peinlichkeit zu sein – etwas, was ein Liebender lieber ganz schnell vergißt.

Nur an den Theatern redete man anders. Viele, die das Stück lasen, gerieten in eine seltsame Erregung. Ein Regisseur, keiner von den schlechten, nannte das Stück ein "Jahrhundertstück" – ob er es auch inszenieren wird? Niels-Peter Rudolph jedenfalls hat nun in Hamburg, die vernichtenden Kritiken im Ohr, den scheinbar sicheren Mißerfolg vor Augen, den längst zum Theatertod verurteilten Text aufs Theater gebracht – und zum (nicht unumstrittenen) Erfolg. Was nun? Da das Stück ein Bekenntnisdrama ist und so natürlich Bekenntnisse provoziert, hier meines:

Ich habe "Über die Dörfer" im Januar gelesen, zu lesen begonnen. Eine langsame Lektüre, täglich langsamer und qualvoller. Auf Seite 69 dann, vierzig Seiten vor Schluß, die Kapitulation – ich mochte nicht mehr weiterlesen. Von der "Ruhe" hatte der Text mir gesungen – und dabei redselig gedröhnt. Nicht mehr das Gewicht der Welt spürte ich, nur noch die Zentnerlast der Wörter. Nicht wie ein Befreiter kam ich mir vor, sondern wie ein Bestrafter – und entfloh.

Dabei hatte ich schon gemerkt, daß in dem Stück nicht nur die fadenscheinigsten Sätze stehen, die Handke je geschrieben hat, sondern auch einige der schönsten, wahrhaft bestürzende; nicht nur sonore Predigten, sondern Rätselworte, Botschaften aus einer großen Ferne. Aber dorthin locken lassen mochte ich mich nicht – vielleicht, weil neben dem Poeten Handke immer der Reiseleiter Handke stand und mir ins Ohr schrie, was ich beim Gang über die Dörfer gefälligst zu sehen und zu fühlen hatte.

Rudolph hat das Stück vom ideologischen Streitfall (Endlich wieder ein Dichter! Was für ein reaktionärer Schund!) in ein theatralisches Gedicht (zurück-)verwandelt. Er hat damit auch Handke selbst korrigiert – der an der Massenproduktion von ideologischem Dunst kräftig mitwirkt, der mittlerweile jeden Reporter wie das Orakel selber, wie der Alte vom Mönchsberg zu empfangen beliebt, tausend dunkle und silberhelle Sinnsprüche auf der Zunge.

Ein Fest- und Weihespiel erlebt man in Hamburg nicht. Daß gegenüber vom Operettenhaus das häßliche Paradies der Reeperbahn beginnt (die Peep-Shows, die Imbißbuden, die Freuden[?]häuser), ist der Aufführung so gut anzusehen wie ihre Zweifel an den großen, tröstlichen Worten. Gegen die Gesänge der Verheißung stellt sie Bilder des Schreckens. Und hat herrliche Schauspieler dabei: Ulrich Wildgruber und Hildegard Schmahl, Angelika Thomas und Christian Redl und Käthe Reichel, eine Brecht-Schauspielerin, als "alte Frau" – eine winzige Person und gewaltige Tragödin, die auftritt, als habe sie alle Greuel der Welt vom Anfang der Welt an gesehen.