Von Brigitte Landes

"Und der Mensch ist für mich das anfaßbare, unwillkürliche, sichtbare Gemisch aus Können und Wollen..." (Libgart Schwarz)

In Salzburg, dachte ich, in Österreich also, träfe ich die Kärntnerin Libgart Schwarz mehr beheimatet an als in Frankfurt oder in Berlin, wo ich sie gesehen und kennengelernt hatte. Ich saß auf einer Probe von "Über die Dörfer", dem neuen Theaterstück, einem "Dramatischen Gedicht" von Peter Handke. Einen Tag vor der zweiten sonntäglichen Vorstellung fand die Probe statt. Die große Schlußrede der Nova, der "Neuen", die Libgart Schwarz darin spielt, sollte um einiges gekürzt werden.

Angespannt und wie versunken saß sie im Zuschauerraum. Regisseur Wim Wenders fordert sie freundlich auf, sich doch noch umzuziehen. Sie springt auf, wie ein Kind, und flitzt davon. Wenige Minuten später steht sie unter blauem Himmel mitten auf der riesigen Bühne der Felsenreitschule. Sie trägt ein pastellfarbenes kimonoartiges Kleid, flache Schuhe und hält sich an einem schweren Tuch fest, das sie im Arm trägt. Sie steht da, auf großwirkenden Füßen, ein kindlicher Mensch mit großen Händen, fast ein wenig verloren.

Sie wiegt sich leicht hin und her beim Zuhören; ist da und hört einfach zu. Wenn sie spricht, überrascht die Wucht ihrer Stimme, als käme die Stimme nicht aus diesem Körper. Sie ist fest und erstaunlich tief mit einem Vibrato, einem leichten Verzögern, einem körperlichen Erfassen vor dem Aussprechen der Wörter.

"Daß das Wort zum Tragen kommen soll", war die Absicht Peter Handkes und die der Inszenierung, "und", schrieb Libgart Schwarz mir in einem Brief, "darum wollte ich auch wie es nur geht, alles Unterstützende vermeiden. Und wie es ja im Leben so ist, daß man Faxen macht, wenn man etwas vertuschen will (oder wenn man etwas vormachen will, wovon man nicht überzeugt ist, oder wenn man sich das Denken ersparen will) Aber der Geist muß sich auch körperlich übertragen – mein anderes ewiges Thema, also äußerlich, am besten unwillkürlich ... Und ein Mensch ist für mich das anfaßbare, unwillkürliche, das sichtbare Gemisch aus Können und Wollen, die Leichtigkeit ist das Absichtlose, und das Unvorbereitete ist am ehesten das, was eindringt. Das auf bekannte Weise Gestaltete, das Formvollendete, Fehlerlose, die Höhe hat man gern, wenn man etwas von sich wegschieben will, nicht annehmen will". – Als sie nach ihrem Auftritt von der Bühne geht, stolpert sie. Sie geht weiter, bleibt stehen und geht dann spornstreichs noch einmal zurück zur Stelle ihres Stolperns und nimmt die Hürde, eine kleine Mauer, noch einmal.

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