Die neuen Reaktoren sind unwirtschaftlich

Von Wolfgang Hoffmann

Als Andreas von Bülow noch Forschungsminister war, konnte er stets mit einem vollen Haus rechnen. Als Politiker in der Opposition scheint er nun nicht mehr gefragt. Seiner Einladung zu einem Pressegespräch im Sitzungssaal des SPD-Fraktionsvorstandes waren gerade noch fünf Journalisten gefolgt. Dabei hatte Andreas von Bülow eine Nachricht parat, die wichtiger als alles war, was er in seiner ziemlich genau zweijährigen Amtszeit je verkündet hatte. Der Ex-Minister: "Ich hätte dem Kabinett empfohlen, beide fortgeschrittenen Reaktorlinien einzustellen."

Bei den Reaktorlinien handelt es sich um den Schnellen Brüter in Kalkar und den Hochtemperaturreaktor in Schmehausen, Technologien der Zukunft, seit Beginn der 70er Jahre im Bau, nach vielen Verzögerungen und Pannen sollen sie Mitte der 80er Jahre fertig sein. Doch daran zweifelt der Ex-Minister von Bülow. "Ich glaube an beide Reaktoren nicht mehr", sagt er ganz offen und befreit vom Amt, in dem er sich stets zur Kernenergie bekannt, und in dem er zwei Jahre lang bis zur Selbstverleugnung für die beiden Reaktoren gekämpft hat.

Das überraschende Bekenntnis gegen die neuen Reaktortypen kommt allerdings einige Monate zu spät. Von Bülow hat die Entscheidung nicht mehr in der Hand und sein Nachfolger, der CDU-Politiker Heinz Riesenhuber, denkt nicht daran, auch nur eine der beiden Reaktorlinien geschweige denn beide aufzugeben. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit ließ er keine Zweifel an seiner Haltung zu den Atomreaktoren aufkommen. Riesenhuber akzeptiert auf keinen Fall die Gründe, die in seinem Vorgänger den Plan reifen ließen, die Baustellen der Zukunftsreaktoren zu schließen.

Gestützt auf den Sachverstand seiner wichtigsten Nuklear-Referenten, der Ministerialräte Peter Kutschke und Hermann-Friedrich Wagner, hatte von Bülow eine "ehrliche" Neubewertung beider Reaktorlinien eingeleitet. Noch vor Abschluß der Arbeiten verfestigte sich bei von Bülow der Eindruck, daß die neuen Reaktoren bis weit in das nächste Jahrtausend hinein nicht mit den herkömmlichen erprobten Leichtwasserreaktoren konkurrieren können. Mithin sei die weitere Entwicklung der Reaktoren volkswirtschaftlich nicht vertretbar. Selbst für den Fall, daß beide Linien zu Ende geführt werden, werde es keine Anschlußreaktoren geben, weil die Stromwirtschaft sich nicht auf ein kostspieliges Abenteuer einlasse, wenn sie den Strom aus herkömmlichen Reaktoren billiger produzieren kann.

Die Neubewertung der Referenten Kutschke und Wagner gilt inzwischen aber nur noch bedingt. Beide wurden von neuen Referenten ersetzt, die jetzt den Brüter und den Hochtemperaturreaktor neu bewerten, ein bislang einmaliger Vorgang. Von Bülow glaubt, die Gründe zu kennen und auch zu wissen, wie die neue Neubewertung am Ende aussehen wird: "Die machen weiter, denn an den Reaktoren hängen ja Lebensläufe."