Von Fritz J. Raddatz

F. J. R.: Sie gelten gemeinhin als der Prototyp des realistischen Schriftstellers. Mir fällt bei genauer Lektüre Ihrer Prosa auf – angefangen bei so frühen Büchern wie "Es waren Habichte in der Luft" bis "Vorbild" oder "Deutschstunde" daß sie ein großes Mißtrauen gegen Wirklichkeit, gegen die Realität, verrät. In Wahrheit ist das die Struktur Ihrer Prosa. Ist das ein Widerspruch zur Definition "realistischer Schriftsteller"?

Lenz: Ein Schriftsteller kann sich wenig oder nur unzureichend wehren gegen Definitionen, die von außen kommen. Sie haben recht, was das Mißtrauen gegen die Realität angeht. Realität stellt sich mir als etwas so Unübersichtliches dar, etwas so wenig Einsichtbares. Es ist ein Dickicht von Handlungen, von Wünschen, von Unterschlagungen, daß ich als Schriftsteller versuche, ihm beizukommen, indem ich Geschichten erzähle. Geschichten, in denen sozusagen Modelle vorgeführt werden, oder ich versuche etwas in eine extreme Situation zu bringen, in der man sich tatsächlich entscheiden muß, bis zu einem Ende. Vieles bleibt unentdeckt in unserem Leben, ungesagt, unüberprüft. Erst in dem Augenblick, wo ich spielend meine Figuren dem inneren Druck der extremen Lage aussetze, gewinne ich eine Ansicht von ihnen. Und das reicht mir als Geschichtenerzähler aus, denn als etwas anderes habe ich mich nie empfunden.

F. J. R.: Nun sind aber Geschichten auf etwas "hinerzählt", ich meine innerhalb des Baus der Geschichte. Ich rede gar nicht vom Leser, vom Publikum. Auf etwas "hinerzählt" heißt: Man will ja nicht nur eine Geschickte erzählen. Etwa, daß vieles bei Ihnen aufs Scheitern hin erzählt wird. So verlief auch Ihre Auseinandersetzung mit Hemingway, bei der Sie irgendeinmal gesagt haben: Da ist immer das Scheitern am Ende. Scheitern kann aber auch sehr am Anfang sein. Der Mensch eigentlich angesetzt zum Scheitern: Ist das Ihre Fühlweise?

Lenz: Nicht eine Fühlweise, sondern eine stehende Erfahrung. Wenn der Tod beispielsweise interesselos alles widerlegt, was wir an Entwürfen präsentieren, was wir einbringen an Wünschen, an großen Programmen, dann soll man vom Scheitern als Normalfall ausgehen. Das Scheitern ist Normalfall, daher auch meine Versuche, das Scheitern auf verschiedene Weise anzudeuten, zu begründen, vielleicht sogar zu legitimieren und vorzustellen. Für Hemingway stellt sich die Lage so dar, daß man entweder einen Kampf hinter sich hat oder einen Kampf vor sich und daß es zum Kodex seiner Helden gehört, sich auf ein Scheitern einzurichten, irgendwann. Das ist eine Erfahrung, die ich – als ich überhaupt zum erstenmal begann, Hemingway zu lesen – sofort für mich übernahm, und zwar einfach deswegen, weil sie meiner damaligen Erfahrung entsprach; ich war 19 Jahre, als der Krieg zu Ende war, und habe einiges gesehen an früh en Toden, an Unbarmherzigkeiten, an Elend und Not, und das verpflichtete mich dazu, oder ich glaubte mich dazu verpflichtet, Hemingways Erfahrung zur meiner Erfahrung zu machen, damals.

F. J. R.: Das war Ihre geschichtliche Erfahrung, die hat sich ja verändert. Aber, wenn wir uns auf dieses Mißtrauen gegen Wirklichkeit geeinigt haben, weil unter dieser Wirklichkeit immer eine andere Wahrheit liegt, dann müßte eigentlich bei Ihnen auch ein Mißtrauen gegen Geschichte dasein, gegen die Wahrheit von Geschichte, gegen die Zuverlässigkeit, Verläßlichkeit von Geschichte.

Lenz: Schön, die Geschichte kann man ja nur erfinden, wie große deutsche Historiker festgestellt haben, oder wie Goethe feststellte: daß den Stoff wirklich jedermann findet, daß aber, wenn man den Gehalt finden will, man etwas dazutun muß, eigene Investitionen. So rein stellt sich Geschichte nie dar, als daß jeder Historiograph sich ihrer mühelos bemächtigen könnte, das glaube ich nicht.