Von Dietrich Strothmann

Wären nicht die Ermordeten, auch die vielen Gefolterten und Gequälten – die Geschichte des Klaus Barbie wäre nur eine politische Räuberpistole, nach der Machart drittklassiger Hollywood-Produktionen: Widerlicher SS-Deutscher übte in Bolivien weiter sein übles Handwerk aus, lebt nun aber, im Alter eines liebenswerten Großvaters, im Wohlstand angenehm und denkt nur an seinen friedlichen Tod.

Wäre da nicht jene mit "Klaus Barbie" unterzeichnete Vollzugsmeldung des SS-Hauptsturmführers aus Lyon an die vorgesetzte Dienststelle in Paris vom 7. April 1944: "In den heutigen Morgenstunden wurde das jüdische Kinderheim ‚Colonie Enfant‘ in Izien-Aim ausgehoben. Insgesamt wurden 41 Kinder im Alter von 3 bis 13 Jahren festgenommen. Ferner gelang die Festnahme des gesamten jüdischen Personals, bestehend aus 10 Köpfen. Der Abtransport nach Drancy erfolgte am 7. 4. 44."

Was mit den "festgenommenen" Kindern geschah, die über das Sammellager Drancy nach Auschwitz deportiert wurden, bedarf keiner ausführlichen Erkärung: Sie kamen, wie Zehntausende anderer, ins Gas.

Klaus Barbie wäre nur einer von vielen, die nach Kriegsende im Ausland untergetaucht sind, gäbe es nicht jenen "Sachverhalt" im Haftbefehl des Augsburger Amtsgerichts vom April 1976:

Als Leiter eines SS-Kommandos zur Partisanenbekämpfung gelang ihm im Frühjahr 1944 im Raum St. Claude die Verhaftung eines französischen Widerstandskämpfers namens Kemmler. Um von ihm Aussagen zu erpressen, schlug er mindestens eine halbe Stunde auf ihn ein, ließ ihn abwechselnd in heißes und kaltes Wasser werfen, später von zwei Untergebenen mit Seilen, an deren Enden Karabinerhaken angebracht waren, schlagen, bis er an den Folgen der Mißhandlungen starb.

Wie viele außer Kemmler auf Barbies Befehl noch zu Tode gefoltert oder als Geiseln erschossen wurden, läßt sich nur ahnen. In zwei Verfahren vor dem französischen Militärgericht, in denen der "Henker von Lyon" in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde, ist von vielen tausend die Rede, auch von Zehntausenden, die er zur Abschreckung und Strafe nach Deutschland deportieren ließ, wo die meisten in Arbeits- und Konzentrationslagern ums Leben kamen. Einer der durch Barbie zu Tode gekommenen Franzosen ist ihr Held aus den Zeiten des Widerstandes: der von de Gaulle damals eingesetzte Resistance-Chef Jean Moulin, der später das "geschundene Gesicht Frankreichs" genannt wurde.