Von Alphons Schauseil

Das Richtungsschild "Espagne" an der "Autoroute du Soleil" vor der Gabelung bei Orange scheint verfrüht. Fast 300 Kilometer sind es noch bis zur Grenze, da könnte man ja auch schon an Münchens Westausfahrt auf "Frankreich" hinweisen. Links kündigt ein Schild das nahe Marseille an, doch ich ließ mich von der Poesie des Autobahnnamens verführen und fuhr "der Sonne" entgegen. In Valence kam sie schließlich durch die Wolken und nun, eine dreiviertel Autostunde später, entschied ich mich für "Spanien" – um dann jedoch schon bei der ersten Abfahrt, Remoulins, in die duftende Garrique abzubiegen. Ich fuhr auf immer schmaleren Wegen, die oft im Nichts endeten, an Bewässerungskanälen entlang und durch Weingärten und Pfirsichplantagen wieder der Rhône zu. "Spanien" – hatte ich nicht vor vielen Jahren in der römischen Arena von Arles Stierkampf gesehen? Sogar El Cordobes, der neben zwei unbekannteren Toreros gar keine gute Figur machte?

So kam ich nach Beaucaire, das ich bis dahin nicht gekannt hatte, einem verborgenen Juwel von Städtchen, direkt am Fluß, gegenüber von Tarascon. In Tarascon hatte Alphonse Daudets "Tartarin" von Abenteuern geträumt, angewidert Wasser und Unrat ausweichend, die man damals unbekümmert aus den Fenstern in die engen Sträßchen schüttete. Die gleichen, vor Sonne und Mistral schützenden Gassen auch hier in Beaucaire. Sie gehören noch ganz den Einheimischen, die mich seltenen Touristen jedoch mit ermunternden Zurufen durch die schmälsten Passagen ließen.

Ich parkte schließlich hinter dem hohen Wall am Rhoneufer, dort führte eine einladend breite Treppe zu einem wunderlichen Platz. Ein paar Bänke unter schattenspendenden Platanen und in der Mitte die Statue eines gedrungenen Rindviehs. "Zum Ruhme des Stiers der Camargue, Le Clairon, zerstört 1943, wiedererrichtet 1963 vom Skulpteur Camille Soccorsi", verriet die Inschrift im Sockel.

Mehr erfuhr ich dann beim Pastis in einem Cafe, in das mich gleich drei grellbunte Plakate gelockt hatten. Sollte ich zur spanischen Corrida nach Nîmes, zum portugiesischen Stierkampf – zu Pferde – nach Mejanes im Delta oder doch wieder nach Arles, zu einer "Super Royale" mit "Charlot", "Christou", "Laiton" und "Miral"? Und was ist, bitte schön, eine "Super Royale", in der die Akteure offenbar keine Nachnamen haben? Meine Pastis-Bekanntschaften von Beaucaire amüsierten sich und holten dann weit aus. Es wurden viele Gläschen spendiert an diesem Samstagvormittag. Draußen, auf dem kleinen Platz, preßte ein junger Zigeuner mit Gitarre kehlige Flamenco-Töne durch die Zähne, angehimmelt von jungen Mädchen im letzten Disco-Schrei. Als es zwölf schlug, entschied ich mich für Arles. Denn die Stars auf den rotgelben Plakaten, die für den nächsten Tag in der Arena von Arles angesagt waren – das waren Stiere, Stiere der Camargue.

Während es gar nicht sicher ist, ob der Ruhm eines El Cordobès einmal auf einem stillen Platz steinerne Ewigkeit wird, so hatten es die Leute von Beaucaire ganz selbstverständlich gefunden, "Le Clairon" ein Denkmal zu setzen, es nach dem Krieg wieder aufzubauen, und nun haben sie gar beschlossen, es an einen belebteren Platz zu verrücken, damit der Star-Stier bloß nicht in Vergessenheit gerät.

Die schwarzen Camargue-Stiere – einige wenige sind auch braun – sollen vor vielen Jahrhunderten direkt aus Asien in das Rhonedelta gebracht worden sein, ein paar Chronisten nennen sogar den kretischen Minotaurus als Stammvater dieser etwas kurzbeinigen, mit leierförmigem Hörnerpaar ausgerüsteten Rinderrasse. Doch zum spanischen Stierkampf, der blutigen Corrida, taugen sie nicht. Dafür importiert man Stiere, namenlos, nur den Züchter nennend, der für ihre Kampfeslust bürgt. Diese Stiere, die meist direkt aus Spanien kommen, verlassen die Arena stets als Kadaver, durch den Staub geschleppt.