Von Dieter E. Zimmer

Darin sind sich seine Verächter mit seinen Verehrern einig: Kein anderer einzelner hat das Denken dieses Jahrhunderts so beeinflußt wie Sigmund Freud. Die Psychoanalyse, zuerst bekämpft und verspottet, dann in ihrer österreichisch-deutschen Heimat verfemt und verfolgt, ist inzwischen zu einer ideologischen Weltmacht geworden. Die Verfolgung durch den NS-Staat hat sie in alle Welt getrieben, vor allem nach England und in die USA, und ihr die Sympathie der Demokraten gesichert. Ihre Adepten sind organisiert in exklusiven Orden, in deren Hand nicht weniger ist als schlechterdings "das kostbarste Instrument der Menschenkenntnis, das wir besitzen" (Alexander Mitscherlich). Sie ähnelt einer weltlichen Kirche, mit den für Kirchen typischen Richtungskämpfen, Abspaltungen und Ketzerverbrennungen und den obligaten ehrerbietigen Berufungen auf das hinterlassene Wort des Gründers. Und sie hat, manchmal völlig verdreht, weit über den Orden hinausgewirkt in das Selbstverständnis des westlichen Menschen.

Als allgemeines Kulturgut hat sie vor allem zweierlei bewirkt. Sie hat für ein Klima gesorgt, das man je nach Sympathie ein Klima des Scharfblicks oder der Verdächtigung nennen kann. "Man war im Rechte, etwas Verborgenes dahinter zu vermuten", schrieb Freud über eine Patientin; hinter jeder Lebensäußerung vermutet mit der Psychoanalyse heute jeder zweite Intellektuelle etwas Verborgenes, nämlich etwas Sexuelles. Und sie hat die Grenzen des Pathologischen verwischt: Ob jemand seine Mutter oder seine Frau sehr oder wenig liebt, er weiß nicht, ob er damit nicht eine Krankheit manifestiert, die geheilt werden müßte.

Einige Beispiele, wenn es deren bedarf. Der Spiegel rezensiert das Buch einer Italienerin, die aus einer reichen Faschistenfamilie stammte und mit achtzehn Jahren auf die Seite der Armen und Verfolgten überwechselte, und er erklärt diesen Seitenwechsel als einen "Vatermord nach dem Bilderbuch" – so als gäbe es irgendein Bilderbuch der Psychoanalyse, das behauptete, erwachsen werdende Töchter wünschten ihren Vater zu ermorden; es ist dies ein Gelüst, das die Psychoanalyse vielmehr vier- bis sechsjährigen Söhnen zuschreibt. Die Idee "Vatermord" und das dräuend Ungefähre aber entstammten unzweideutig der Psychoanalyse.

Oder es beginnt die Süddeutsche Zeitung eine Glosse über die Anschnallpflicht für Autofahrer mit dem Satz: "Den Todestrieb definiert die Psychologie ..." – ganz und gar verkennend, daß "die Psychologie", wenn die Mehrheit der wissenschaftlichen Psychologen "die Psychologie" sind, den Todestrieb keineswegs wie auch immer definiert, sondern für eine der vielen Bizarrerien der psychoanalytischen Lehre hält, und daß sogar viele Psychoanalytiker mit Freuds Todestriebthese wenig anfangen konnten.

Sogar bei einem Autor wie Botho Strauß, der gewöhnlich doch energisch für sich selber denkt, stößt man auf blinde Übernahmen psychoanalytischer Theoreme, etwa dort, wo er die Kriegslust dunkel als einen "libidinös gebundenen Todestrieb" bezeichnet und einen begrenzten Konflikt als eine "begrenzte Abfuhr von Destruktionsenergie" – eine wirre Hommage an das antiquierte hydraulische Triebmodell der Psychoanalyse.

Es ist klar, was der Psychoanalyse zu diesem durchschlagenden Erfolg verholfen hat: Mit ihren jeden ordinären Menschenverstand stark befremdenden, also hochgradig konterintuitiven und im Grunde unverstehbaren Erklärungen verschafft sie ihrem Adepten den vollkommenen Durchblick oder doch die Illusion eines solchen, und das ohne ihm viel eigenen Aufwand und unbequeme Pflichten aufzuerlegen. Wer mit einigen ihrer Begriffe zu hantieren weiß, signalisiert schon, daß er etwas bis auf den Grund durchschaut hat. Die einzigen Gedankengebäude, die ähnliches leisten, sind der Marxismus und die Religion. Es wird immer Menschen geben, die Fragen stellen wie: Was ist die Malerei eigentlich? – und die zufrieden sind, antworten zu können: eine Sublimierung, was auch immer das sein mag; und die es mit klammheimlicher Genugtuung erfüllt, es ganz genau zu wissen: eine Sublimierung der kindlichen Sexuallust am Verschmieren von Kot.