Von Dieter E. Zimmer

Darin sind sich seine Verächter mit seinen Verehrern einig: Kein anderer einzelner hat das Denken dieses Jahrhunderts so beeinflußt wie Sigmund Freud. Die Psychoanalyse, zuerst bekämpft und verspottet, dann in ihrer österreichisch-deutschen Heimat verfemt und verfolgt, ist inzwischen zu einer ideologischen Weltmacht geworden. Die Verfolgung durch den NS-Staat hat sie in alle Welt getrieben, vor allem nach England und in die USA, und ihr die Sympathie der Demokraten gesichert. Ihre Adepten sind organisiert in exklusiven Orden, in deren Hand nicht weniger ist als schlechterdings „das kostbarste Instrument der Menschenkenntnis, das wir besitzen“ (Alexander Mitscherlich). Sie ähnelt einer weltlichen Kirche, mit den für Kirchen typischen Richtungskämpfen, Abspaltungen und Ketzerverbrennungen und den obligaten ehrerbietigen Berufungen auf das hinterlassene Wort des Gründers. Und sie hat, manchmal völlig verdreht, weit über den Orden hinausgewirkt in das Selbstverständnis des westlichen Menschen.

Als allgemeines Kulturgut hat sie vor allem zweierlei bewirkt. Sie hat für ein Klima gesorgt, das man je nach Sympathie ein Klima des Scharfblicks oder der Verdächtigung nennen kann. „Man war im Rechte, etwas Verborgenes dahinter zu vermuten“, schrieb Freud über eine Patientin; hinter jeder Lebensäußerung vermutet mit der Psychoanalyse heute jeder zweite Intellektuelle etwas Verborgenes, nämlich etwas Sexuelles. Und sie hat die Grenzen des Pathologischen verwischt: Ob jemand seine Mutter oder seine Frau sehr oder wenig liebt, er weiß nicht, ob er damit nicht eine Krankheit manifestiert, die geheilt werden müßte.

Einige Beispiele, wenn es deren bedarf. Der Spiegel rezensiert das Buch einer Italienerin, die aus einer reichen Faschistenfamilie stammte und mit achtzehn Jahren auf die Seite der Armen und Verfolgten überwechselte, und er erklärt diesen Seitenwechsel als einen „Vatermord nach dem Bilderbuch“ – so als gäbe es irgendein Bilderbuch der Psychoanalyse, das behauptete, erwachsen werdende Töchter wünschten ihren Vater zu ermorden; es ist dies ein Gelüst, das die Psychoanalyse vielmehr vier- bis sechsjährigen Söhnen zuschreibt. Die Idee „Vatermord“ und das dräuend Ungefähre aber entstammten unzweideutig der Psychoanalyse.

Oder es beginnt die Süddeutsche Zeitung eine Glosse über die Anschnallpflicht für Autofahrer mit dem Satz: „Den Todestrieb definiert die Psychologie ...“ – ganz und gar verkennend, daß „die Psychologie“, wenn die Mehrheit der wissenschaftlichen Psychologen „die Psychologie“ sind, den Todestrieb keineswegs wie auch immer definiert, sondern für eine der vielen Bizarrerien der psychoanalytischen Lehre hält, und daß sogar viele Psychoanalytiker mit Freuds Todestriebthese wenig anfangen konnten.

Sogar bei einem Autor wie Botho Strauß, der gewöhnlich doch energisch für sich selber denkt, stößt man auf blinde Übernahmen psychoanalytischer Theoreme, etwa dort, wo er die Kriegslust dunkel als einen „libidinös gebundenen Todestrieb“ bezeichnet und einen begrenzten Konflikt als eine „begrenzte Abfuhr von Destruktionsenergie“ – eine wirre Hommage an das antiquierte hydraulische Triebmodell der Psychoanalyse.

Es ist klar, was der Psychoanalyse zu diesem durchschlagenden Erfolg verholfen hat: Mit ihren jeden ordinären Menschenverstand stark befremdenden, also hochgradig konterintuitiven und im Grunde unverstehbaren Erklärungen verschafft sie ihrem Adepten den vollkommenen Durchblick oder doch die Illusion eines solchen, und das ohne ihm viel eigenen Aufwand und unbequeme Pflichten aufzuerlegen. Wer mit einigen ihrer Begriffe zu hantieren weiß, signalisiert schon, daß er etwas bis auf den Grund durchschaut hat. Die einzigen Gedankengebäude, die ähnliches leisten, sind der Marxismus und die Religion. Es wird immer Menschen geben, die Fragen stellen wie: Was ist die Malerei eigentlich? – und die zufrieden sind, antworten zu können: eine Sublimierung, was auch immer das sein mag; und die es mit klammheimlicher Genugtuung erfüllt, es ganz genau zu wissen: eine Sublimierung der kindlichen Sexuallust am Verschmieren von Kot.

Dieser totale Erklärungseffekt macht die Psychoanalyse so immun gegen Anfechtungen. Die sonstigen Wissenschaften haben höchstens bescheidene, vorläufige Theoriechen anzubieten, gegenüber Freuds heroischem Gewaltstreich, allein und aus dem Stand eine totale Theorie der menschlichen Psyche zu liefern. Wenn vielleicht, wahrscheinlich sogar, ihre Grundannahmen auch falsch und nur noch ein Hindernis für jeden Fortschritt des Wissens über die Gesetze der Seele sind – sie bleibt dennoch einzigartig verführerisch.

Keine neue, noch großartigere Theorie drängt heute auf ihre Ablösung (und käme eine, so verdiente sie größtes Mißtrauen). Es muß nur ein Faktum konstatiert werden: Während sich die Psychoanalyse einerseits etablieren konnte, wuchs anderseits ihr Defizit an empirischen Bestätigungen und nahm schließlich nachgerade spektakuläre Formen an. So verlor sie immer mehr die Beziehung zur wissenschaftlichen Psychologie und Psychiatrie und wurde immer mehr zu einer Glaubenssache. Fast hundert Jahre nach ihrer Geburt erscheint sie immer mehr als Irrweg, als Irrboülevard.

Es gibt einige gute und unerledigte allgemeine Gründe, die gegen die Psychoanalyse sprechen.

Der eine ist: Sie verfährt nahezu ausschließlich retrospektiv. Ihr Wissen, ihre unerschütterliche Sicherheit bezieht sie fast einzig aus dem „klinischen“ Material, und das besteht in den Erinnerungen der Analytiker an die Erinnerungen ihrer Klienten. Dabei hat sie selber dem Gedanken Vorschub geleistet, daß Erinnerungen wenig zu trauen ist. Es ist bekannt, daß Freudianer Freudsches Material aufspüren, Jungianer Jungsches, Kohutianer Kohutsches. Eine richtige Wissenschaft könnte ihre Hypothesen zwar durchaus retrospektiv gewinnen, beeilte sich aber, sie prospektiv umzuformulieren und damit überprüfbar zu machen. Sie begnügte sich also nicht damit, zu raten, daß die beobachtete Neurose Y vermutlich auf Konflikt X zurückgeht. Sie fragte sofort: Führt Y regelmäßig zu X? – und versuchte, empirische Belege und Gegenbelege zu sammeln.

Der zweite Einwand der allgemeinen Art: Die Psychoanalyse operiert zu unvorsichtig mit Symbolen, Metaphern und Anthropomorphisierungen. Der schwerstwiegende Fall ist ihre sogenannte Instanzenlehre. Ihr zufolge besteht die Psyche aus drei „Instanzen“, die in ständigem Konflikt miteinander liegen und sich gegenseitig zu übervorteilen suchen: dem „Es“ als dem Ort dumpfer, blinder Triebe, dem „Ich“, das die Verbindung der Seele mit der Außenwelt wahrt, und dem „Über-Ich“, in der Umgangssprache Gewissen genannt. Nun blieb die Psychoanalyse nicht nur die Erklärung dafür schuldig, wie sich aus dem anfänglichen dumpfen Es das helle Ich entwickelt. Es wurden in der empirischen Forschung auch weder Gehirnbereiche noch Funktionszusammenhänge gefunden, die den psychoanalytischen Instanzen entsprächen. Wie Harvey Nash es 1963 schilderte: es ist, als nähme die Psychoanalyse im Kopf des Menschen drei Homunculi an, jeder komplett mit seinen eigenen Wünschen, Gedanken, Erinnerungen, die ein ständiges Drama im Drama aufführen.

Das „Ich“ beispielsweise soll die Sinneswahrnehmungen machen, die Bewegungen kontrollieren, es soll Integration und Realitätskontrolle leisten – ein Bündel von „Ich-Funktionen“. Zweifellos leistet der Organismus all dies, und Psychologie wie Neurophysiologie versuchen zu klären, wie diese Leistungen zustande kommen. Leider ist. sehr wenig beschrieben und erklärt, wenn man diese Fähigkeiten zur Funktion eines „Ichs“ ernennt. Die Psychoanalyse verwechselt hier die metaphorisch-anthropomorphe Benennung des Erklärungsbedürftigen mit seiner Erklärung. Es ist, als antwortete jemand, der eine Kamera erklären soll: In der Kamera befindet sich ein „Sie“, und dieses besorgt Filmtransport, Belichtung, Schärfe. „Der Begriff des Ichs ist eine sinnlose Schärfe. „Der Er suggeriert, es gäbe innerhalb der erklärungsbedürftigen Psyche eine zweite intelligente Psyche“ (Emanuel Peterfreund).

Wo die Psychoanalyse die Psyche gar zu einem Schauplatz macht, auf dem Prinzipien und letzte Urtriebe miteinander ringen (das Lust- gegen das Realitätsprinzip; „Eros“ gegen „Thanatos“), steht sie einer Dämonologie näher als einer wissenschaftlich zu nennenden Psychologie. Wer will, mag sich die Welt natürlich als einen Kampf zwischen Liebe und Haß, zwischen Licht und Finsternis denken; überprüfbare Hypothesen lassen sich diesen Teilen der Theorie nicht abgewinnen.

Den knappsten und schärfsten allgemeinen Einwand hat Karl Popper vorgebracht. Die Schwäche der Psychoanalyse bestehe eben in ihrer vermeintlichen Stärke: daß sie für alles eine Erklärung habe. Eine echte wissenschaftliche Theorie zeichne sich durch Falsifizierbarkeit aus: Sie formuliere riskante und widerlegbare Hypothesen. Die Psychoanalyse jedoch sei durch kein vorstellbares menschliches Verhalten widerlegbar. Ihr Status sei der eines Erweckungsglaubens oder der Astrologie – eine Sache für „Schwachköpfe“.

Diese Unwiderleglichkeit rührt daher, daß die oftmals abgeänderte Theorie in sich unbestimmt und widersprüchlich blieb. Jenseits von Freud gar zerfließt die Psychoanalyse in eine Unzahl theoretischer Perspektiven, und zu Recht werden viele Analytiker auf jede Kritik an Freud antworten: Aber das ist doch alles Vorgeschichte, heute sehen unsere theoretischen und praktischen Probleme ganz anders aus. Jedoch gelten für den einen diese, für den anderen jene Freudschen Grundannahmen weiter, und das ganze vieltönige Konzert versteht sich als Ausbau seiner Lehre. Auch für die Öffentlichkeit stellt sie weiterhin das psychoanalytische Paradigma par excellence dar. Darum ist die Frage nach der empirischen Bewahrheitung dieser Lehre nicht abwegig und nicht überflüssig. Die Uneinheitlichkeit macht es noch schwerer, ihr überprüfbare Wenn-Dann-Aussagen abzugewinnen. Darum eben hält auch so mancher wissenschaftliche Psychologe den Dialog mit Psychoanalytikern für hoffnungslos: Wo immer die Psychoanalyse steht, sie steht auch woanders.

So leicht kann nichts den wankend machen, den das psychoanalytische Denken angesteckt hat: Tritt das genaue Gegenteil des vorausgesagten Resultats oder etwas ganz anderes ein, so fand eben eine „Reaktionsbildung“ oder eine „Verschiebung“ statt – der Zauberkasten der Psychoanalyse enthält genügend Werkzeuge, aus allem alles zu machen. Sagt die Theorie zum Beispiel voraus, daß ein bestimmten Familienkonflikt Haß auf den Vater hervorbringe, und ist es dann Liebe oder eine Angst vor Pferden, was tatsächlich beobachtet wird, so wird hinter beidem ein unbewußter Haß stecken, beides ist nur die bewußte Tarnform des eigentlischon unbewußten Hasses, und die Theorie hat schon wieder recht. Natürlich könnte es tatsächlich so etwas wie „Reaktionsbildungen“ geben; aber damit eine Theorie mit ihnen eintreten, kann, müßte sie spezifizieren, wann sie eintreten, und dürfte sie nicht ad hoc bemühen, um sich selber über. Enttäuschungen hinwegzuretten. Manche Psychoanalytiker haben eine fatale Neigung, jeden Einwand gegen ihre Lehre als deren Bestätigung aufzufassen: Das Räsonnement geht so: Die Psychoanalyse ist unter anderem die Lehre von der Abwehr unliebsamer Wahrheiten; indem du ihr widersprichst, zeigst du, daß auch du etwas an ihr abzuwehren hast; das kann ja nur ihre Wahrheit sein. Es ist diese Ungreifbarkeit der Theorie, die sie Wissenschaftlern so suspekt macht.

Freud kam aus der Neurophysiologie und der Biologie, beschloß aber schon früh, die Psyche rein psychologisch zu beschreiben – also ohne Bezug auf die Organe, welche die psychisch genannten Leistungen vollbringen, ihre Funktionsweisen und ihre evolutionäre Geschichte. Daher kommt es, daß die Psychoanalyse den übrigen Wissenschaften, die sich mit dem Psychischen befassen, immer ferner rückte und heute so gut wie beziehungslos neben ihnen herschwebt.

Der Analytiker Emanuel Peterfreund, der selber einen eindrucksvollen Versuch gemacht hat, die Psychoanalyse mit Hilfe der Systemtheorie zu modernisieren, allerdings unter Aufopferung des gesamten Freudschen Begriffsapparats, beklagte das Versäumnis besonders tief und klar: „Das Psychische wird nicht als Manifestation biologischer Aktivität gesehen; es wird gesehen, als herrsche es über die biologische Aktivität. Die Psychoanalyse hat den entscheidenden Schritt nicht vollzogen, das Psychische des Menschen in einen größeren biologischen und evolutionären Zusammenhang zu stellen ... Das hat zu einer Unmenge begrifflicher Verwirrungen geführt und die Psychoanalyse der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts immer weiter entfremdet.“

Besonders deutlich wird dies, wenn man das Fundament ansieht, auf dem die Theorie errichtet ist. Ihren Sockel bilden einige Annahmen darüber, was die Menschen antreibt.

Freud war der Meinung, bewegt werde der Mensch von dem Wunsch, lästige Reize zu beseitigen. Sie erreichten ihn von außen und von innen. Den äußeren Reizen könne er sich meist durch Abwendung entziehen. Die inneren Reize verlangten „Abfuhr“, und zur Abfuhr brauche er „Objekte“, nämlich andere Menschen. Angetrieben werde der Mensch also im Grunde von seinem Bedürfnis nach Reizfreiheit – Freud nannte es zeitweise auch das „Nirwana-Prinzip“.

Dies ist nun schon lange nicht mehr haltbar. Spätestens die Experimente mit dem Entzug vor. Außenreizen („sensorische Deprivation“) machten klar, daß der Mensch keineswegs nach Reizminimierung strebt, sondern daß ein bestimmtes Reizniveau sogar lebensnotwendig ist. Und spätestens die Entdeckung der Lustsysteme im Gehirn machte klar, daß Tiere und Menschen nicht nur handeln, um Reize loszuwerden – mindestens gleich stark „motiviert“ sie die Suche nach angenehmen, lustvollen Empfindungen.

Noch irreführender aber war die Vorstellung, die Freud sich von diesen Innenreizen, den „Trieben“, machte. Er sah sie als „psychische Energie“. Es war dies ein Konzept, das er aus der Physik des 19. Jahrhunderts bezogen hatte, von Helmholtz und Fechner. Daß der Energiebegriff der modernen Physik sich weit davon entfernte, entging ihm.

Die moderne Physik definiert Energie als eine Fähigkeit: nämlich die Fähigkeit verschiedener Materiezustände, Arbeit im physikalischen Sinn zu verrichten. Die Energie ist selber keine Substanz; sie hat keine Identität, keine Geschichte, keine Ziele. Man kann nicht ein bestimmtes Stück Energie isolieren und verfolgen, was aus diesem wird.

Die „psychische Energie“ dagegen, an der nicht nur die Psychoanalyse bis heute hängt, dachte sich Freud als eine Art Substanz, einer Flüssigkeit ähnlich, die aus Quellen entspringt, sich ansammelt, aufstaut, einen bestimmten Handlungsdruck hervorruft und „abgeführt“ werden muß. Sein abtrünniger Schüler Wilhelm Reich erfand schließlich sogar ein Gerät, mit dem er sie zu erzeugen hoffte, den „Orgon-Akkumulator“.

Das Konzept der „psychischen Energie“ erweckt den Anschein, als bewege sich die Psychoanalyse in der Nähe der Naturwissenschaften. Tatsächlich hat die „psychische Energie“ mit der Energie der Physik nicht das mindeste zu tun. Sie ist kein konkreter Fall physikalischer Energie, so wie man von elektrischer Energie oder Bewegungsenergie sprechen kann, es läßt sich physikalische Energie nicht in psychische Energie verwandeln und umgekehrt, sie ist auch keine zweite, unphysikalische, eben psychische Energie mit eigenen Gesetzen und Eigenschaften. Es gibt sie so wenig wie im Waschmittel eine „Reinigungsenergie“. Der Organismus wird bewegt und motiviert nicht durch die Ansammlung stoffähnlicher „Energien“ mit besonderen Eigenschaften und Zielen, sondern von Systemen elektrochemischer Signale. Die „psychische Energie“ ist bestenfalls eine Metapher: Ein paar spontane Bedürfnisse verhalten sich ungefähr, aber auch nur ungefähr so, als baute sich im Innern eine Art „Druck“ oder „Spannung“ auf, die auf „Entladung“ drangen.

Wer begriffen hat, daß die „psychische Energie“ das Phlogiston der Psychoanalyse ist, jener geheimnisvolle und geisterhafte Stoff, der nach einer Theorie des 18. Jahrhunderts bei der Verbrennung aus den Körpern entweichen sollte und den es nicht gibt, müßte eigentlich schon die gesamte Theorie umformulieren. Denn in gewisser Hinsicht tut diese nichts anderes, als nach dem „Schicksal“ dieser geisterhaften Energie zu fragen: wie sie sich verzweigt, aufspaltet, vorwärtsdrängt, zurückweicht, sich an Vorstellungen heftet, vermischt oder schließlich veredelt („sublimiert“).

Das „psychohydraulische“ Energiekonzept läßt die Psychoanalyse dastehen wie ein zischendes Dampfmaschinenmodell der menschlichen Seele: das Es der Kessel, Kolben und Zylinder das Ich, der Schieber das Über-Ich, der Dampf die „sexuelle Energie“, und dazu unzählige komplizierte Vorrichtungen, welche die groben Bewegungen des Modells mit den feingesponnenen Handlungen des Menschen in Übereinstimmung bringen sollen. Das macht sie zu einem Museumsstück. Heute halten die Neurowissenschaften selbst die komplexesten Computermodelle des Zentralnervensystems immer noch für zu grob.

Zu diesem altertümlichen Dampfmaschinen-Look trägt weiter bei, daß Freud nur zwei Arten von Trieben glaubte erkennen zu können: bis 1920 die vagen Lebenstriebe und die für das Individuum entscheidenden Sexualtriebe („Libido“), nach 1920 die zum „Eros“ vereinigten Lebens- und Sexualtriebe und den Todestrieb „Thanatos“. Dabei interessierte Freud die sogenannte Libido so sehr, daß man zugespitzt sagen kann: Im Grunde machte er die ganze Psyche von ihrem „Schicksal“ abhängig.

Es war gleichzeitig eine große Über- und Unterschätzung der Sexualität. Eine Überschätzung, weil sich die Vielfalt der menschlichen Bedürfnisse, diese reiche, sowohl ererbte als auch erworbene Bedürfnisfigur mit ihren unzählbaren Motivationen unmöglich auf einen einzigen Antrieb, den sexuellen, zurückführen läßt; die bloße Umbenennung der verschiedensten Bedürfnisse (etwa: an der Mutterbrust zu saugen, Kot auszuscheiden, sich mit Vorbildern zu identifizieren, Ordnung zu halten, ein Bild zu malen) in sexuelle hilft dem Verständnis nicht, sondern entleert nur das Wort „sexuell“ jeden Sinns. Eine Unterschätzung der Sexualität, weil diese weitaus mehr ist als das Bedürfnis, aus wechselnden Schleimhäuten Lust zu beziehen. Über die Komplexität eines Vorgangs wie des Orgasmus zum Beispiel, über das körperliche und erlebnismäßige Geschehen beim Orgasmus, auch über seine vielfältigen Störungen, ist, wie Peterfreund ausführte, so gut wie nichts gesagt, wenn man ihn bläßlich und umständlich als „Entladung psychischer Energie“ versteht. So kommt es, daß selbst die moderne Sexualforschung mit dem psychoanalytischen Begriffsapparat wenig anzufangen weiß: Er hilft nicht, vielversprechende Fragen zu stellen. Die Psychoanalyse war immer ein Doppelwesen: eine Theorie über die menschliche Seele und eine „Sprechkur“ zur Milderung oder Behebung psychischer Leiden. Freud war gegen Ende seines Lebens der Meinung, als Theorie werde sie größeren Bestand haben denn als Therapie. Diese Doppelnatur hat ihr das Leben erleichtert. Auf Einwände gegen ihre theoretischen Annahmen konnte sie antworten: Kann denn eine Theorie falsch sein, deren Praxis so erfolgreich ist? Und konnte eine Praxis verfehlt sein, wenn eine so imposante Theorie hinter ihr stand?

Nun hat es in den letzten Jahrzehnten unzählige Versuche gegeben, die Erfolge psychotherapeutischer Behandlungen zu messen. Leicht ist das nicht; denn da man weder bei der Krankheit noch bei der Therapie genau weiß, worin sie eigentlich bestehen, da man auch nicht genau weiß, welchen Verlauf die Störung ohne Therapie genommen hätte, läßt sich auch schwer ein objektives Maß für den Erfolg finden. Wohlweislich lassen sich weder Lester Luborsky und seine Mitarbeiter, die 1975 einen der ersten herkulischen Versuche unternahmen, das gesamte Material zu sammeln und zu sichten, noch Bergin und Lambert, die es ihnen zuletzt 1978 nachtaten, auf exakte Erfolgsquoten ein. Aber beide stimmen sie in der Trendangabe überein: Psychotherapie ist im allgemeinen etwas besser als keine Psychotherapie. Das gilt auch für die Psychoanalyse: Die meisten ihrer Klienten profitieren mäßig von ihr, und zwar in ihren eigenen Augen, in denen ihrer Analytiker und in denen mehr oder minder neutraler Beobachter. So weit, so gut.

Das für die Psychoanalyse so überaus Peinliche an diesen Erfolgsvergleichen war: Die von ihnen so tief geschmähten Konkurrenzmethoden waren ebenso erfolgreich, obwohl sie doch angeblich auf falschen Theorien beruhten und nur an den Symptomen herumkurierten, statt die wahren Ursachen zu zerschmettern. Bei eingegrenzten Phobien (vor Spinnen etwa oder vorm Fliegen) war die besonders verhaßte Rivalin Verhaltenstherapie sogar erfolgreicher. Und es gab auch Hinweise darauf, daß bei vielen Schwierigkeiten die reinen „Sprechkuren“ dann erfolgreicher sind, wenn über aktuelle Konflikte und nicht über die Familienprobleme der fernen Vergangenheit gesprochen wird, wie es die orthodoxe Psychoanalyse vorwiegend tut.

Unter den nicht auf einzelne Therapieschulen eingeschworenen Forschern auf diesem Gebiet herrscht denn inzwischen auch nahezu Übereinstimmung darüber, was diese Erfolge bewirkt. Es sind nicht die Besonderheiten der einzelnen therapeutischen Theorien, Methoden und Techniken, sondern Faktoren, die ihnen beiläufig und unabsichtlich fast allen gemein sind. Es läßt sich sogar angeben, welche Faktoren es sind: die vertrauensvolle Beziehung zu einem geduldigen und hilfsbereiten Menschen, der einen aus der Defensive lockt; der Wunsch, etwas an sich zu ändern, der einen in die Therapie treibt; und die Tatsache, daß einem der Therapeut eine Erklärung für die eigenen Schwierigkeiten anbietet – richtig muß sie nicht sein, nur einigermaßen glaubhaft.

Wenn sich das so verhält, kann sich die Psychoanalyse als Theorie nicht auf ihre Erfolge als Praxis berufen. Freud hätte dann aus den falschen Gründen etwas Richtiges und Hilfreiches getan. Ein Verdienst wäre es immer noch.

Wenn die Psychoanalyse Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt, muß sie es sich gefallen lassen, in einzelne Postulate zerlegt zu werden, die sich experimentell bestätigen oder widerlegen lassen. Groß war ihre Bereitschaft dazu nie, und diese Abneigung ging auf Freud selber zurück: „Sehr hoch“, schrieb er 1934, „kann ich diese Bestätigungen nicht einschätzen, denn die Fülle sicherer Beobachtungen ... macht (die Psychoanalyse) von der experimentellen Prüfung unabhängig.“ Was nichts anderes hieß als: daß die Psychoanalyse richtig ist, geht aus einer Art Evidenzerlebnis hervor; wenn Analytiker und ihre Klienten sie nur als richtig erleben, wird sie schon stimmen, und etwaige experimentelle Nichtbestätigungen können ihr nichts anhaben. Oder: den wahrhaft Erleuchteten macht nichts irre.

Viele Anhänger der Theorie sind Freud auf diesem Rückzug in die Festung subjektiver Wahrheitserlebnisse nicht gefolgt. Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte hat es sogar eine größere Zahl von Versuchen gegeben, festzustellen, wie sich einzelne psychoanalytische Hypothesen im experimentellen Test bewähren. Es gibt zwei umfangreiche Bücher, in denen alle diese Studien kritisch gesichtet wurden: eins von Paul Kline (1972 und 1981), eins von Seymour Fisher und Roger P. Greenberg (1977). Beide wurden von Sympathisanten der Psychoanalyse geschrieben, die zu retten versucht haben, was zu retten ist. Trotzdem, und obwohl sie ihr tröstlichen Zuspruch spenden, sind es Friedhöfe der Theorie geworden.

Klines Buch ist das sehr viel klarere und übersichtlichere. Es läßt sich so zusammenfassen: Die große Mehrzahl der empirischen Studien hat Freuds Theorie nicht bestätigt oder war so mangelhaft angelegt, daß ihre Ergebnisse nicht zählen. Einige wenige Ergebnisse stehen mit der Theorie im Einklang.

Kline ist parteiisch. Daß die Erwartungen der Theorie in vielen Fällen nicht erfüllt wurden, wertet er nicht als deren Widerlegung; immer könnte es ja auch sein, daß der Fehler im Versuch liegt und nicht in der Theorie. Anderseits schreibt er die wenigen positiven Ergebnisse voll der Theorie gut; die Möglichkeit, daß alternative Theorien sie ebenso gut oder besser erklären könnten, zieht er nie in Betracht. Die Psychoanalyse hat bei ihm also immer den Bonus des Zweifels, den ein Ungläubiger ihr nicht einräumte.

Wie es um die empirische Bestätigung der Psychoanalyse steht, sei an drei Studien kurz illustriert. Sie gehören nicht zu den albernen Studien vom Typ jener, die ermittelte, daß Mädchen häufiger als Jungen ausgeliehene Bleistifte nicht zurückgaben, und aus diesem Umstand schloß, Freud habe zu Recht einen weiblichen „Penisneid“ angenommen. Sie gehören auch nicht zu denen, die keinerlei Bestätigung für die Theorie fanden. Es sind vielmehr jene drei, die als die überzeugendsten empirischen Bestätigungen der Theorie gelten. Sie betreffen zudem zentrale Punkte der Theorie: den Zusammenhang zwischen bestimmten kindlichen Erlebnissen, welche die Psychoanalyse für sexuelle Erlebnisse hält, mit späteren Charaktereigenschaften. Man muß sich dabei vor Augen halten, eine wie allesentscheidende, dramatische Wirkung die Psychoanalyse diesen Kindheitserlebnissen zuschreibt, um sich darüber wundern zu können, daß nicht jede systematische Nachforschung sie über und über bestätigte, sondern bestenfalls den vagen Schatten einer Bestätigung ergab, der auch ganz anderes bedeuten konnte.

1. Die Psychoanalyse lehrt, daß es aufeinanderfolgende „psychosexuelle“ Entwicklungsphasen gebe. (Die übrige Entwicklungspsychologie sieht die Entwicklung dagegen nicht zerhackt in Phasen, und sie denkt gar nicht daran, die gesamte Entwicklung als sexuell zu interpretieren.) Die erste Phase ist nach Freud die der Oralerotik: Das Kind gewinne sexuelle Lust, indem es an der Mutterbrust saugt. Passiere es diese Phase nicht ungestört, so entwickle sich ein „oraler“ Charakter. Die Störungen könnten vor allem zweier Art sein: Das Kind bekommt zu knappe oder zu ausgiebige orale Lust. Bekommt es zu wenig (etwa dann, wenn es zu früh abgestillt wird), so wird es zu einem „oralen Pessimisten“: verzagt, passiv, feindselig-aggressiv. Bekommt es zu viel (wird es „verwöhnt“), so wird es ein „praler Optimist“: zuversichtlich, gesellig, großzügig, abhängig.

Die erste Frage muß also sein: Kommen diese Eigenschaften tatsächlich häufig miteinander vor, gibt es somit die beiden Charaktermuster überhaupt? Die zweite: Lassen sie sich auf die behaupteten Kindheitserfahrungen zurückführen? Die dritte: Sind diese, wie behauptet, sexueller Natur?

Frieda Goldman-Eisler maß zwischen 1948 und 1951 per Fragebogen verschiedene „orale“ Eigenschaften und kam zu dem Ergebnis: Es gibt jene beiden oralen Charaktere. Freud (und in diesem Fall sein Schüler Karl Abraham) haben also richtig beobachtet. Nun brauchte es nicht den ganzen Aufwand der psychoanalytischen Theorie, um vorherzusagen, daß ein Optimist eher gesellig sein wird als ein Pessimist. Charakterzüge können aus vielen Gründen gemeinsam auftreten. Zum Beispiel darum, weil sie einiges gemeinsam haben – schließlich ist ein Charakterzug kein abgegrenztes Ding an sich, sondern ein abstraktes Konzept. Optimismus wie Geselligkeit etwa haben stark teil an einem weitgehend genetisch bedingten Faktor, den erst die Eysencksche Charakterpsychologie und dann auch die Allgemeinheit Extraversion nannten. Gäbe es die von der Psychoanalyse behaupteten Charaktermuster gar nicht, so wäre notwendigerweise die Theorie falsch; gibt es sie, so ist die Theorie aber noch nicht bestätigt. Das würde sie erst, wenn es eine Bestätigung für die behauptete Entstehungsgeschichte und dazu für die sexuelle Natur der entscheidenden Erlebnisse gäbe.

Für letzteres gibt es nicht nur keinen Schimmer von Beweis; es gibt noch nicht einmal einen Versuch, einen solchen zu finden.

Gegen die psychoanalytische Herleitung des „oralen Charakters“ spricht sehr stark, daß Kinder mit Gaumenspalten, die nie an irgend etwas saugen konnten, keineswegs durchweg zu „oralen Pessimisten“ wurden. Und was gern als Beweis für ihre Richtigkeit herangezogen wird, daß „oral frustrierte“ Kinder mehr am Daumen lutschen als andere, beweist nicht mehr, als daß Daumenlutschen ein Ersatz für das Saugen sein kann.

Und was fand Goldman-Eisler? Sie stellte einerseits einen Zusammenhang zwischen früher Entwöhnung und Pessimismus fest; für den vorausgesagten Zusammenhang zwischen früher Entwöhnung und feindseliger Aggressivität fand sie keine Stütze. Bei großem Wohlwollen also ließe sich sagen, sie hätte die Theorie wenigstens teilweise bestätigt. Ohne dieses Wohlwollen heißt der Schluß: Die wesentlichen Erwartungen wurden eben nicht bestätigt, die Psychoanalyse hat den oralen Charakter wohl einigermaßen zutreffend beobachtet, aber falsch erklärt, und seinen Namen trägt er damit zu Unrecht.

Entscheidende Fragen läßt Goldman-Eisler ganz offen. Wieviel Verlaß war auf die Erinnerungen der Mütter? Waren die Kinder tatsächlich „oral frustriert“, nur weil sie früh entwöhnt wurden – wirkt die Babyflasche oral frustrierend? Wieso eigentlich, wenn der Säugling nur an der Reizung seiner Mundschleimhäute interessiert ist?

Auch gibt es andere Theorien, die den gefundenen Zusammenhang mindestens ebensogut erklären wie die Psychoanalyse. So könnte das Kind seinen „oralen Pessimismus“ gar nicht in seinen schlechten Erfahrungen mit der Mutterbrust erworben, sondern ihn von der Mutter geerbt haben; eben weil sie selber solch eine Pessimistin war, hätte sie das Kind früh von der Brust genommen. Oder es könnte die ethologisch orientierte Bindungstheorie recht haben (wahrscheinlich hat sie es). Ihr zufolge liebt der Säugling seine Mutter nicht als „Objekt“ seiner oralen Sexualbegierde, sondern weil bei allen höheren Tieren ein evolutionär erworbener Instinkt das schutzlose Kleinkind zur Bindung an eine Mutterfigur treibt. Es liebt nämlich nachweislich die Mutter auch, wenn jemand anders es füttert. Lädierte Mutterbindungen können zu einem verzagten Charakter führen: Wer die Mutter als unsichere Bezugsperson erlebt hat, traut auch späteren Beziehungen nicht mehr. Nicht also die „orale Frustration“ bewirkt den Pessimismus: Die frühe Entwöhnung ist nur eine von vielen möglichen Äußerungen einer mangelhaften Mutterbindung.

Jedenfalls steht einer gewaltigen Vorhersage ein dürftiges Ergebnis gegenüber.

2. Auf die orale folgt im dritten Lebensjahr angeblich die „anale“ Phase: Das Kind gewinnt nun seine sexuelle Lust aus den Schleimhäuten des Afters. Werde es in diesem Lustgewinn behindert, so entwickle sich der „anale Charakter“, der klarer definiert ist als der orale: durch Ordnungsliebe, Sparsamkeit und Eigensinn. Tatsächlich treten diese drei häufig miteinander auf. Wieder läßt sich sagen: zutreffend beobachtet, sogar zutreffender als beim diffusen Oralcharakter, bei dem selbst unter Psychoanalytikern wenig Einigkeit darüber besteht, welche Elemente denn nun zu ihm gehören. Aber auch richtig erklärt?

Ein Zusammenhang zwischen der Strenge der Sauberkeitserziehung und dem Analcharakter wurde, logischerweise, mehrfach gesucht, aber niemals gefunden. Ein Beweis für den sexuellen Charakter der analen Lust wurde noch nicht einmal gesucht. Gefunden wurde, daß „anale“ Eltern oft „anale“ Kinder haben. Das aber könnte so sein, weil sich diese Charakterzüge vererben; oder weil ordnungsliebende, sparsame, hartnäckige Eltern ordnungsliebende, sparsame und hartnäckige Kinder erziehen; oder aus beiden Gründen. Jedenfalls braucht es die Psychoanalyse nicht, einen solchen Zusammenhang zu erklären.

Kline meint, 1968 die Analhypothese selber experimentell bestätigt zu haben. Er maß bei 46 Studenten mit einem Test die „Analität“, mit einigen anderen die Stärke der Zwanghaftigkeit. Tatsächlich, die „Analen“ erwiesen sich als die Zwanghafteren.

Daß eine solche Übereinstimmung irgend etwas besagt, hängt natürlich erstens davon ab, daß beide Messungen etwas anderes messen; zweitens, daß Verlaß auf das Analitätsmaß ist.

Als Maß für die Analität benutzte Kline die Blacky-Bilder. Das sind zwölf Zeichnungen, welche die Familie des Hundes Blacky in verschiedenen „freudschen“ Posen zeigen. Die Versuchspersonen sollen sich zu den einzelnen Bildern äußern, und der Versuchsleiter registriert, wie „verstört“ sie auf die einzelnen Posen reagieren. Eine dieser Posen zeigt einen kotenden Hund. Wer auf diese Zeichnung überdurchschnittlich stark reagiert, dem wird eine starke „Analität“ zugeschrieben. In den anderen Tests wird aber zum Teil ebenfalls nach der Einstellung zu Schmutz und Exkrementen gefragt. Die gefundene und angeblich beweiskräftige Übereinstimmung zwischen beiden Maßen war also nicht viel mehr als eine Tautologie: Wer Dreck nicht mag, stört sich auch an Bildern von einem Hund, der Dreck macht, und umgekehrt. Oder mit den vernichtenden Worten von Hans Jürgen Eysenck: „Für den Nichtfreudianer ist das Blacky-Bild nichts anderes als ein grobes Maß für die Einstellung zu scheißenden Hunden.“

3. Zwischen dem 4. und 6. Lebensjahr erreicht das Kind die dritte Station seiner „psychosexuellen“ Entwicklung, wie die Psychoanalyse sie ausmalt: die „phallische“ Phase. Nunmehr beziehe es seine Lust aus den Genitalien und verliebe sich in den gegengeschlechtlichen Elternteil. Der Junge begehre seine Mutter (oder ersatzweise die Schwester) und erlebe den Vater als lästigen Rivalen, das Mädchen begehre den Vater (oder Bruder). Die „ödipale“ Wirrsal beginne. Dieses familiäre Liebesdrama finde ein gewaltsames Ende: Der Junge befürchte, von seinem väterlichen Nebenbuhler zur Strafe kastriert zu werden, und in seiner Angst vor dem väterlichen Attentat auf sein Schwänzchen wehre er seine unzulässigen Wünsche ab, indem er sie verdränge, und mache sich die Gebote und Ansprüche des Vaters zu eigen – sie bilden hinfort sein sogenanntes Über-Ich.

Kein anderes Detail der Psychoanalyse hat soviel Eindruck gemacht wie dieser „Ödipuskomplex“. Alles ist seit seiner Postulierung gefunden worden: kindliche Vorstadien der Sexualität, wenn auch nicht in den von Freud angenommenen Formen und Phasen; gelegentliche erotische Tönungen der Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, die allerdings eher von den Eltern auszugehen pflegen; erste Konfrontationen besonders zwischen Vätern und Söhnen, die um das vierte Lebensjahr beginnen. Nur der Ödipuskomplex Leber dürfte eine der großen Mythen des zwanzigsten Jahrhunderts bleiben. Freud war davon überzeugt: „Die erste Objektwahl der Menschen ist regelmäßig eine inzestuöse“ – und eine „biologische Tendenz zur Vermeidung der Inzucht“ sei bloße lächerliche Erfindung. Freud irrte: Der Zürcher Psychologe Norbert Bischof hat in zwei Aufsätzen (1972/73) nachgewiesen, daß die Inzestvermeidung eine durchgehende und zweckmäßige Strategie der Natur ist. Beobachtungen in Kibbuzim haben das erstaunliche Faktum an den Tag gebracht, daß geschwisterlich zusammen aufwachsende Kinder sich so gut wie nie zu Sexualpartnern nehmen, offenbar weil das Inzesttabu auch im Menschen „biologisch“ verankert ist. Das kulturelle Inzestverbot wirkt nicht einem biologischen Inzestbegehren entgegen, sondern verstärkt eine biologische Inzestbarriere. Die erste Partnerwahl ist nicht inzestiös.

In einem wirklichen Experiment gingen 1959 Sarnoff und Corwin dem Zusammenhang zwischen Kastrationsangst, Todesangst und sexueller Erregung nach. Was haben sie miteinander zu tun? Für die Psychoanalyse ist jede Verletzungsangst und ihr Extrem, die Todesangst, nur die bewußte Stellvertreterin der unbewußt bleibenden Kastrationsangst. Erhöhe man diese, indem man sexuelle Wünsche erzeuge, so nehme auch ihr bewußter „Abkömmling“ zu. In der Tat, keine andere Theorie als die Psychoanalyse sagte einen solchen Zusammenhang voraus.

Bei 56 Studenten wurde die Stärke der Kastrations- und der Todesangst gemessen. Wochen später wurden sie entweder mit vier Aktphotos stark oder mit vier Modephotos schwach sexuell erregt. Dann maß man noch einmal die Todesangst: Bei den stark Erregten mit hoher Kastrationsangst, und nur bei ihnen, war sie beträchtlich angestiegen. Der vorausgesagte Zusammenhang war bestätigt.

Wie wurde die Kastrationsangst gemessen? Wieder durch eins der notorischen Blacky-Bilder: den Kommentaren zu einem Hund, dem gerade der Schwanz abgehackt werden soll. Das Maß ist nur dann etwas wert, wenn die von der Psychoanalyse behauptete symbolische Beziehung zwischen Hundeschwanzabhacken und Kastration tatsächlich gilt; wiederum handelt es sich für einen Nichtfreudianer aber bloß um ein grobes Maß für die Einstellung zu Tierquälerei. Daß ängstlichere Menschen sowohl den Tod als auch Verstümmelungen, eigene wie fremde, wirkliche wie dargestellte, mehr fürchten als Unängstliche, ist ebenfalls nur eine Tautologie. Nicht tautologisch ist, daß sexuelle Erregung diese Angst schürt. Aber auch dieser, allerdings nur von der Psychoanalyse vermutete, Zusammenhang läßt sich ohne ihre Zuhilfenahme erklären. Ängstliche macht der Anblick aufreizender Aktphotos noch ängstlicher – mehr beweist das Experiment nicht. Warum, ist eine andere Frage. Es könnte sein, daß Aktphotos auf Ängstliche beunruhigend wirken, weil diese sich vor die Bewährungsfrage gestellt sehen: Wäre ich imstande, mit der Frau zu schlafen? Jedenfalls ist dieser Versuch sehr stark überlastet, wenn er das ganze Ödipalgebilde tragen soll.

So steht es um die drei besten Versuche, die Psychoanalyse mit den Methoden der psychologischen Wissenschaft zu erhärten. Gläubige werden sagen: Das ist doch immerhin etwas, und im übrigen benötigen wir solche Beweise nicht. Ungläubige aber: Das ist außerordentlich dünn, und wenn der Rest noch dünner ist, beweist es gar nichts. „Vorgeblich wissenschaftliche Gedankengebäude benötigen zum Überleben nun einmal empirische Bestätigungen für ihre Behauptungen ... Nach fast einem Jahrhundert hat die Psychoanalyse nur kümmerliche und fragwürdige Bestätigung erfahren – und viel vernichtende Kritik. Noch hat diese Kritik sich nicht bis zum Feuilleton herumgesprochen, aber wir dürfen prophezeien, daß der Groschen schon noch fallen wird“ (Frederick Crews). In Deutschland gibt es Fluten psychoanalytischer Literatur; das Defizit an empirischer Bewahrheitung ist bisher aber so gut wie gar nicht konstatiert worden. Es gibt einen guten Übersichtsartikel von Franz Kiener in dem monumentalen „Handbuch der Psychologie“ von 1978; die übrige Literatur ist englisch.

Seine eigentliche Leistung sah Freud darin, daß er eine Theorie des Unbewußten entworfen habe. Entdeckt hat er „das Unbewußte“ nicht; das Thema unbewußter seelischer Vorgänge läßt sich bis zu Leibniz zurückverfolgen, und Freud hat „das Unbewußte“ schon in seinen Lehrbüchern vorgefunden. Aber wie kein anderer hat er es popularisiert: Jedes Kind weiß heute, daß es ein „Unterbewußtsein“ hat (ein Wort, das Freud selber früh wieder fallenließ).

Im wesentlichen betrachtete Freud, Sohn einer prüden Epoche, das Unbewußte als eine Art Beutel irgendwo unten an der Seele, in dem unbändige Wünsche wimmeln – insbesondere „verdrängte“ sexuelle Begierden. Sie dürfen sich nicht zeigen, noch nicht einmal ihrem Eigentümer, aber hin und wieder gelingt es der einen oder anderen, in einem Traum oder bei einem Versprecher zu entschlüpfen und sich bemerkbar zu machen. Unten im Unbewußten sind diese sexuellen Gedanken, Wünsche, Ideen, Impulse „unhemmbar“; sie treiben gänzlich unkontrolliert ihr Unwesen und machen krank. Die psychoanalytische Kur besteht eben darin, sie zu erkennen, wenn sie sich versehentlich verraten, und sie ins Bewußtsein hochzuholen. Dann können sie keinen Schaden mehr stiften, die Krankheit (die Psychotherapie bezeichnet sie geringschätzig gern als „die Symptome“) fällt in sich zusammen. Natürlich drückt die Theorie diesen Gedankengang sehr viel gewählter aus. (Überhaupt ist ja die Psychoanalyse vor allem eine imponierende Ausdrucksweise, halb mythologisch, halb technisch, die etwa eine Eigenliebe dramatisch als „Narzißmus“ oder trocken als „Besetzung der Objektrepräsentanz des eigenen Selbst mit libidinöser Energie“ beschreibt.)

Hat die empirische Psychologie „das Unbewußte“ auffinden können? Die Antwort lautet: Sie hat, vor allem in den letzten Jahren, unbewußte psychische Vorgänge zuhauf nachgewiesen, so daß Freud völlig zu Recht angenommen hat, Unbewußtes habe einen großen Einfluß auf unser Verhalten. Aber, und das ist ein großer Unterschied: „das Unbewußte“ in der von Freud beschriebenen Form hat sie nirgends gefunden und wird sie auch nirgends finden.

Vor etwa dreißig Jahren stieß die empirische Psychologie darauf, daß es „unterschwellige Wahrnehmungen“ zu geben scheint. Man konnte Menschen Reize (Wörter, Bilder) so kurz oder so schwach darbieten, daß sie nichts davon merkten – und trotzdem bewirkten diese Reize meßbare Veränderungen in ihrem Verhalten. Es schien paradox: Konnte es unwahrgenommene Wahrnehmungen geben? Das Phänomen war den Forschern so wenig geheuer, daß sie jahrzehntelang immer ’sinnreichere Versuchsanordnungen erfanden, um es zu widerlegen. Sie bestätigten es dabei nur immer sicherer. Schließlich dämmerte des Rätsels Lösung: Was wir Wahrnehmung nennen, ist gar nicht der eine Moment, in dem sich Sinnesdaten in Bewußtsein verwandeln. Wahrnehmung ist ein längerer Verarbeitungsprozeß. Er ist uns nicht bewußt; bewußt werden uns nur manche seiner Ergebnisse. Nur etwa ein Hunderttausendstel aller in uns einströmenden Sinnesdaten gelangt je zum Bewußtsein, so schätzt man. Auch in den unbewußten Stadien dieses Prozesses aber ist eine Information schon wahrgenommen und kann Folgen zeitigen.

Unbewußt ist uns auch, wie wir etwas ins Gedächtnis aufnehmen und aus ihm abberufen. Unbewußt sind uns selbst die Prozesse, welche die Creme unseres Bewußtseins erzeugen, die sprachlichen Gedanken. Wir wissen nicht, wie wir sicher die richtigen Tasten der Schreibmaschine finden, obwohl wir die genaue Position kaum eines Buchstaben angeben könnten. Wir wissen nicht, wie wir es machen, daß ein Mensch für uns immer die gleiche Größe hat, auch wenn wir ihn, bei wechselnder Entfernung, immer nur verschieden groß gesehen haben. Wir merken nichts von der scheuernden Kleidung auf unserer Haut, aber der Ameise unterm Hemd sind wir uns plötzlich aufs deutlichste bewußt. Wir wissen nicht, nach welchen Gesichtspunkten wir Bild und Name einer Person in unserem Gedächtnis speichern und wie wir es machen, daß uns meist der richtige Name einfällt, wenn das Bild auftaucht. Wenn wir mit einem Ohr aufmerksam einer Stimme lauschen, hören wir nicht, was man uns ins andere flüstert – aber wird unser Name geflüstert, so haben wir ihn doch gehört. Wir wissen nicht, wie wir die Worte nach höchst komplizierten syntaktischen Regeln, die wir niemals ausdrücklich lernen und anwenden könnten, zu Sätzen zusammenfügen. Wir wissen nicht, wie wir darauf kommen, daß zweimal zwei vier ist. Kekulé wußte nicht, wie er auf die Form des Benzolrings kam: Sie trat im Traum in sein Bewußtsein.

Offenbar war es ein enormer Fehler, „Geist“ im wesentlichen mit „Bewußtsein“ gleichzusetzen. Ständig findet eine gewaltige Geistes- und Seelentätigkeit statt (der deutschen Sprache fehlt leider ein Wort für mind): Ins Bewußtsein kommt davon nur das allerwenigste. Die Psyche ist nicht ein großes Bewußtsein mit einem störenden Anhängsel von Unbewußtem, in dem unkeusche Wünsche rumoren. Sie ist ein riesiger informationsverarbeitender und also Ordnung schaffender Apparat, der einige seiner bedeutungsvollen Ergebnisse bewußt erlebbar werden läßt.

In dieser unaufhörlichen Sortierarbeit ist er nicht „objektiv“, im Gegenteil, er bewertet unablässig. Noch vor jeder bewußten Wahrnehmung versucht er die einströmenden Daten nach ihrer emotionalen Bedeutung zu erfassen. So kommt es zu dem Phänomen „Wahrnehmungsabwehr“: daß unterschwellig, also unbemerkt angebotene Reize mit emotionaler Bedeutung anders behandelt werden als neutrale: negative werden sozusagen widerstrebend, positive bevorzugt bearbeitet. Daß es auch bei der intellektuellsten Geistesbestätigung so etwas wie Informationsabwehr gibt, stellte sich in Dietrich Dörners Problemlösungsspielen heraus: Etliche Problemloser wichen in Krisensituationen auf Nebensächlichkeiten aus und nahmen die eigentlich relevanten Informationen nicht wahr.

Ein überaus interessanter Bericht von Nisbett und Wilson (1977) kam an Hand vieler experimenteller Ergebnisse zu dem Schluß, daß wir zur Tätigkeit unserer eigenen Seele so gut wie keinen Zugang haben. Wir glauben wohl, daß wir wüßten, was uns beeinflußt, wenn wir Gedanken, Meinungen, Einstellungen verfertigen; nachweislich aber wissen wir es meist nicht. Wo wir meinen, wir kennten aus der Introspektion auch den Entstehungsprozeß, zitieren wir meist nur gängige oder in deren Ermangelung ad hoc erfundene Theorien über solche Entstehungsprozesse. Wenn man will, ist dies ein Befund, der weit über Freud hinausgeht und den Stolz noch tiefer trifft. (Nebenbei warnt er noch einmal: Den Rekonstruktionen auch der Analysierten und ihrer Analytiker ist nicht zu trauen.)

Der Mensch will nicht nur ein paar seiner sexuellen Wünsche ungern wahrhaben; er weiß noch nicht einmal, wie er wahrnimmt, sich erinnert, denkt und was ihn dabei beeinflußt und leitet.

Es könnte gut sein, daß der originellste und beständigste, nämlich fortdauernd anregende Beitrag der Psychoanalyse in dem besteht, was sie zu den sogenannten Abwehrmechanismen der Psyche, besonders zur Verdrängung beobachtet hat. Nicht daß die Wissenschaft sich jemals mit Freuds Vorstellung eines „Ichs“ befreunden wird, das unzüchtige Wünsche wegsteckt in einen, dann „das Unbewußte“ genannten Beutel. Aber es trifft zu, daß wir Informationen selektiv aufnehmen und erinnern, die einen bevorzugt, die anderen widerstrebend, und daß eine zu große Verformung dieser Selektivität uns realitätsuntüchtiger macht. Es trifft wahrscheinlich auch zu, daß frühkindliche Erlebnisse einen beträchtlichen und bleibenden Einfluß auf diese Informationsfilter haben und daß ein langer therapeutischer Umlernprozeß ihre Verstopfung teilweise rückgängig machen kann. Innerhalb eines neuen Paradigmas, das die Erkenntnisse der Neurophysiologie und der Evolutionsbiologie nicht ignoriert und verschmäht, sondern sich zunutze macht, werden sich diesbezügliche klinische Beobachtungen der Psychoanalyse möglicherweise haltbar neu anordnen lassen.

Was war das Verdienst der Freudschen Lehre? Sie hat die Menschheit darauf gestoßen, „daß das, was an der Oberfläche des Seelenlebens zum Vorschein kommt, nur ein dürftiger und häufig irreführender Reflex der Gesamtheit der psychischen Kräfte ist“ (Frank J. Sullaway). Sie hat uns außerdem darauf aufmerksam gemacht, daß wichtige Weichen in der frühen Kindheit gestellt werden. Sie hat gezeigt: Reden kann helfen. Und den Analytikern gebührt Dank dafür, daß sie sich (nicht umsonst, das ist wahr) den Seelenmüll vieler unglücklicher Menschen aufladen lassen, geduldig und um Verständnis bemüht und mehr von Hilfsbereitschaft und praktischem Menschenverstand geleitet als von Theoremen. Wenn jedoch die Psychoanalyse als Theorie nicht eine große Anstrengung unternimmt, den zwischen ihr und der Psychiatrie und Psychologie aufgerissenen Graben zuzuschütten (auch wenn das zunächst hieße: weniger wissen), wird sie den Weg des Mesmerismus oder der Kelloggschen Ernährungslehre gehen (der wir trotz ihrer Abstrusität immerhin die Cornflakes verdanken).

Über die Aussichten der Psychoanalyse als Wissenschaft schrieb der Biologe und Nobelpreisträger Sir Peter Medawar 1975 ein paar harte, aber vermutlich treffende Sätze. Er schrieb sie voller Zorn, als ihm zur Kenntnis gekommen war, wie Psychoanalytiker eine schreckliche und mit anderen Methoden heilbare Nerven- und Muskelerkrankung jahrelang im wörtlichen Sinn „besprochen“ hatten, weil sie die Krankheit nur als „Symptom“, als „symbolischen Ausdruck“ irgendwelcher Sexualgelüste verstehen konnten – die pure Krankenquälerei, verursacht durch die Beschränktheit der Theorie. „Psychoanalytiker werden weiterhin die fürchterlichsten Schnitzer machen“, schrieb er, „solange sie an ihrem unverschämten und intellektuell lähmenden Glauben kleben, sie besäßen einen privilegierten Zugang zur Wahrheit‘. Die Überzeugung gewinnt an Boden, daß die doktrinäre psychoanalytische Theorie die horrendeste Bauernfängerei des zwanzigsten Jahrhunderts ist: und gleichzeitig ein Endprodukt – so etwas wie ein Dinosaurier oder ein Zeppelin in der Geschichte der Ideen, ein riesiges Gebäude nach einem ganz und gar mißlichen Plan und ohne Zukunft.“