Von Helmut Becker

Das Jahr 1982 werde „das Jahr des Yen“ – darüber war sich die übergroße Mehrheit der Fachleute einig. Die Prognose bewahrheitete sich anders als erwartet: Es wurde das Jahr des Yen im freien Fall. Am Dienstag letzter Woche kostete der Dollar mit 277 Yen exakt sechzig Yen mehr als zu Jahresbeginn, ein Außenwertverlust um 27 Prozent und ein Tiefststand seit dem 2. Juni 1977.

Die Folgen der anhaltenden Yen-Schwäche gegenüber dem Dollar, aber auch gegenüber den wichtigen Währungen Europas, beunruhigen die gesamte Industrie des Inselreichs ebenso wie die Tokioter Regierung und die Notenbank. Die Yen-Schwindsucht verwandelte traditionell eine ganze Reihe importabhängiger Branchen in Fußkranke. Die Ölraffinerien rechnen mit Kostensteigerungen von 56 Milliarden Yen (530 Millionen Mark) wenn der Dollarkurs auch um nur einen einzigen Yen steigt, die Petrochemie landesweit mit 15 Milliarden Yen (141 Millionen Mark). Den neun privaten Stromversorgungsriesen Nippons erwachsen bei einer Schwankung um einen Yen Mehrkosten von 18 Milliarden Yen (169 Millionen Mark).

Die Textil- und Nahrungsmittelproduzenten behalten ihre Währungsverluste lieber für sich. Der Vizepräsident des Stahl- und Werftgiganten Nippon Kokan, Yoshinari Yamashiro, spricht für ein gutes Dutzend Krisenbranchen: „Wegen der Rezession bedeutet der Wertschwund des Yen für uns einen doppelten Schlag.“

Der Schlag trifft die gesamte Wirtschaft. Japans Industrie kann die enormen Importkostensteigerungen in der Flaute nicht voll an die Verbraucher weitergeben und spart deshalb bei den Investitionen. Die Furcht vor Stagnation bei Inflation beschränkt sich jedoch nicht auf Nippons’ Grundstoffindustrie: „Selbst Unternehmen, die einen schwachen Yen als Segen begrüßen sollten, starren auf die importierte Inflation“, beschreibt die Zeitung Nihon Keizai die Stimmung bei der Auto- und Elektroindustrie.

Tatsächlich werden selbst stark veredelnde, exportorientierte Wirtschaftszweige Japans der drastischen Verbesserung ihrer Weltmarktposition nicht froh. Exportselbstbeschränkungen und zum Bersten gefüllte Lager bei Händlern daheim und in Übersee verhindern zusätzlich, daß sich Auslandskunden billig eindecken. Der Kostendruck, der von der heimischen Industrie ausgeht, verstärkt sich für die verarbeitende Wirtschaft durch sinkende Kapazitätsauslastung und steigende Lagerhaltungskosten, kann aber Kaum an die zurückhaltenden Konsumenten weitergegeben werden.

Obwohl der Yen-Verfall die Dollar-Exportpreise theoretisch seit Jahresbeginn um ein gutes viertel verbilligte, sind Listenpreissenkungen die Ausnahme. Im Gegenteil: Toyota, Nissan und Honda haben bereits die US-Preise ihrer 83er Modelle um durchschnittlich 2,7 Prozent anheben müssen. Orakelt Nissan-Direktor, Shinji Sato: „Wir sind in erster Linie um die Inflation und weitere Absatzeinbußen im Inland besorgt.“ Im Klartext: Für die Schleuderpreise bei auslaufenden Modellen will man sich im nächsten Jahr am ausländischen Käufer schadlos halten.