Von Karin Jergas

Morgen ist Wandertag", beschloß Oberstudienrat Walter Bamberger. Und den Schülern der Untertertia der Friedrich-Paulsen-Schule in Niebüll sagte er: "Packt Eure Brote ein und auch die Badesachen, denn wir gehen zum Schwimmen in den Gotteskoogsee."

Genau zwanzig Jahre und zwei Monate später wollte einer, der damals dabei war, zurück an diesen Ort seiner Kindheit, gleich hinter der Nordsee. Schulausflug im Gotteskoog: Das war – klischierte Erinnerung – ein Tag in einem jener Kindersommer, die so viel schöner gewesen sind als heute; und unter dem dazugehörigen unendlich hohen Himmel lag ein See, dessen gegenüberliegendes Ufer sich nur unscharf am Horizont abzeichnete. "Wenn ich einmal groß bin", dachte der Schüler damals, "dann schwimme ich auf die andere Seite."

Nein, hinüberschwimmen wollte er heute nicht mehr. Aber vielleicht mit einem Boot ans andere Ufer fahren.

Doch wo war der See?

Gleich hinter dem Christian-Albrechts-Koog kommt der Gotteskoog, da müßte er sein. Ist er etwa falsch gefahren? Hier steht’s doch geschrieben: Gotteskoogseeweg und am Deich oben ist auch noch die alte Gastwirtschaft, in der das ganze Taschengeld in Brause umgesetzt wurde. Davor noch die Liegewiesen und daneben der alte Kahn, in dem man sich so gut verstecken konnte. Alles sieht wie damals aus. Nur der See fehlt,

Ist der Gotteskoogsee etwa nur ein Traum gewesen; oder ein kleiner, inzwischen längst ausgetrockneter Tümpel, den kindliche Phantasie in einen See verwandelt hatte?